Sarkasmus

Protokoll einer außerordentlichen Strategietagung der Etablierten-Partei (EP)

Ort: Konferenzzentrum „Gläserner Tresen“, Berlin-Mitte

Datum: 15. Mai 2026, 10:03 – 11:12 Uhr (abgebrochen, weil jemand „dieses blöde Volk“ sagte und niemand widersprach)

Anwesend: Frau Dr. M. (Vorsitzende), Herr K. (Fraktionsgeschäftsführer), Frau L. (Kommunikationschefin), Herr S. (Chefstratege, digital zugeschaltet, Hintergrund unscharf)

Beginn der Sitzung 10:03 Uhr

Frau Dr. M.: Meine Damen und Herren, ich fasse zusammen: 28 Prozent für die AfD. Das ist ein Desaster. Ein Armutszeugnis. Eine Bankrotterklärung des… nun ja… des Wählers. Natürlich. Nicht unserer. Des Wählers.

Herr K.: Absolut. Also ich sag’s mal, wie’s ist: Die Leute sind einfach zu blöd, um zu kapieren, was gut für sie ist.

Frau L. (nickt eifrig): Wir bieten doch so viel! Wir haben… wir haben… also wir haben zumindest keine Positionen, die man als extrem bezeichnen könnte. Ist das nichts wert?

Herr S. (räuspert sich zaghaft): Ähm. Vielleicht ist genau das das Problem. Dass wir nichts bieten außer…

Frau Dr. M.: Außer Anstand? Außer Demokratie? Außer der unendlichen Geduld, uns jeden Tag von diesem undankbaren Wahlvieh an die Urne scheuchen zu lassen? Genau das ist unser Problem, Herr S.: Wir sind zu nett.

Herr K.: Zu nett! Die da draußen wollen doch nur eines: einen Sündenbock. Und weil wir keine nennen, gehen sie zur AfD. Aber wenn sie bei uns bleiben würden – ich meine, wenn sie nicht so dumm wären –, dann wüssten sie, dass die AfD der Sündenbock ist! Nicht die Ausländer, nicht die Ampel, nicht die Wirtschaft. Die AfD! So einfach ist das.

Frau L. (macht sich Notizen): „Die AfD ist der Sündenbock.“ Das ist gut. Das drucken wir auf Plakate. Vielleicht verstehen es dann auch die letzten Deppen.

Frau Dr. M.: Sehen Sie, Herr S.? Frau L. versteht es. Wir müssen dem Wähler endlich mal sagen, wie dumm er ist. Immer dieses Rumgeeier. Diese ständige Rücksichtnahme. „Die Sorgen der Menschen ernst nehmen.“ Blödsinn! Ihre Sorgen sind eingebildet. Ihre Ängste sind hysterisch. Und ihre Wahlentscheidung ist schlichtweg idioventrikulär.

Herr K.: Idioventrikulär! Doktortitel lässt grüßen. Genau das sind sie.

Herr S. (vorsichtig): Aber wenn wir die Wähler für dumm erklären – wählen die uns dann nicht erst recht nicht?

Totenstille.

Frau Dr. M. (lacht trocken): Herr S., Sie sind neu hier, oder? Der Wähler ist dumm. Das ist kein Geheimnis. Das wissen wir doch alle. Die Frage ist nur: Sagen wir es ihm ins Gesicht oder flüstern wir es hinter seiner Hand?

Frau L.: Ich sage es Ihnen, was das Problem ist: Dieses Volk hat keinen Respekt mehr vor Autorität. Früher hat man gewählt, was einem gesagt wurde. Die Oma hat CDU gewählt, der Opa SPD, die Tante FDP – weil der Onkel das auch gemacht hat. Heute! Heute informieren sich die Leute! Im Internet! Ungefiltert! Kann man sich das vorstellen?

Herr K.: Widerlich. Einfach widerlich. Früher haben wir gesagt, was Sache ist. Und die Leute haben gewählt. Punkt. Heute kommen die mit „Fakten“ und „eigenen Recherchen“. Dabei sind die doch viel zu doof, um eine Überweisung bei der Sparkasse zu tätigen. Und dann wollen die Politik verstehen?

Frau Dr. M.: Genau da setzen wir an. Unser neuer Wahlkampfslogan: „Vertraut uns. Ihr seid zu blöd, um richtig zu wählen.“

Herr K.: Zu lang. Wie wär’s mit: „Wählt uns. Oder seid weiterhin dumm.“

Frau L.: Oder: „Die AfD ist scheiße. Aber das wisst ihr ja nicht, weil ihr dumm seid.“

Frau Dr. M. (lächelt selig): Ich liebe es, wenn wir uns einig sind. Und jetzt zum eigentlichen Punkt: Was machen wir konkret, um dieses dumme, undankbare, widerständige Wahlvieh wieder an die Kandare zu nehmen?

Herr K.: Wir könnten Wahlrechtsreform machen. Wer AfD wählt, dessen Stimme zählt nur halb. Oder gar nicht. Das wäre doch gerecht. Die Intelligenten – also wir – haben dann mehr Gewicht.

Frau L.: Oder wir führen einen Wahlführerschein ein. Wer nicht nachweisen kann, dass er unsere Parteiprogramme vollständig gelesen und verstanden hat, darf nicht wählen. Das ist doch gelebte Demokratie!

Herr S. (meldet sich zum letzten Mal): Das wäre verfassungswidrig. Und auch sonst… also wirklich… vielleicht sollten wir einfach mal zuhören. Den Leuten zuhören. Vielleicht haben die ja Recht mit ihrer Kritik? Vielleicht verwalten wir wirklich nur? Vielleicht liefern wir keine Lösungen? Vielleicht sind WIR das Problem und nicht die Wähler?

Langes Schweigen. Frau Dr. M. nimmt ihre Brille ab. Putzt sie. Setzt sie wieder auf. Starrt in die Kamera.

Frau Dr. M.: Herr S., Ihre Leitung ist schlecht. Sie verzerren. Wir hören Sie nicht mehr.

Herr S.: Ich habe gar nicht gesproch…

Frau Dr. M.: Genau. Verbindung abgebrochen. Also. Wo waren wir?

Herr K.: Bei der Dummheit des Wählers.

Frau L.: Und dass wir ihnen endlich mal sagen müssen, was Sache ist.

Frau Dr. M.: Richtig. Also beschließen wir:

1. Eine Plakatkampagne mit dem Konterfei eines Schafs und der Unterschrift: „Du auch?“

2. Eine Pressemitteilung, in der wir den Wählern der AfD bescheinigen, „entweder verblendet oder geistig minderbemittelt zu sein“.

3. Ein Konzept, wie wir weiterhin alles beim Alten lassen können. Vorschläge?

Herr K.: Mehr Ausschüsse!

Frau L.: Mehr Enquete-Kommissionen!

Frau Dr. M.: Mehr Sonntagsreden, in denen wir sagen, dass wir die Sorgen der Menschen ernst nehmen – ohne sie jemals zu nennen!

Alle drei (wie aus einem Mund): Beschlossen.

Frau Dr. M.: Dann sind wir uns einig: Der Wähler ist doof. Wir sind genial. Und wenn die AfD bei der nächsten Wahl 30 Prozent holt, dann liegt das einzig und allein daran, dass die Deutschen noch dümmer geworden sind. Aber das ist ja nicht unser Problem.

Gelächter. Jemand bestellt Sekt.

Ende des Protokolls.

(Nachtrag der Protokollantin: Die Pressestelle hat die Plakatkampagne intern getestet. Fokusgruppe sagte: „Das ist doch wieder nur diese Besserwisserei.“ Daraufhin wurde die Fokusgruppe aufgelöst und als „nicht repräsentativ“ bezeichnet.)

Es war einer dieser Sätze, die Menschen manchmal mit der Selbstverständlichkeit eines Naturgesetzes aussprechen. 

Kein Zweifel in der Stimme, kein Zögern, kein „glaube ich“, kein „vielleicht“.

Einfach hingestellt wie eine unumstößliche Wahrheit:

„Es gibt ja die Fünf-Prozent-Klausel bei Wahlen. Wenn kleine Parteien nicht mehr als fünf Prozent haben, kommen sie nicht ins Parlament. Damit die kleinen Parteien nicht ins Parlament kommen, fallen die Sitze und Stimmen an die großen etablierten Parteien, falls sie mehr als fünf Prozent haben, die dann mehr haben und an der Macht bleiben.“

So gesagt.

Fertig.

Und man steht daneben und merkt plötzlich, wie seltsam unsere Zeit geworden ist.

Nicht wegen der Aussage allein, sondern wegen der Ruhe, mit der sie ausgesprochen wird. 

Als hätte sich irgendwo ein diffuses Halbwissen mit einem allgemeinen Misstrauen gegen „die da oben“ vermischt und daraus eine völlig neue Wirklichkeit gebaut.

Denn genau so funktionieren viele Gespräche inzwischen. 

Es reicht nicht mehr, etwas nicht zu wissen. Das wäre harmlos. 

Früher sagte man einfach: „Keine Ahnung, wie das genau läuft.“ 

Heute wird stattdessen oft ein kompliziert klingendes Ersatzmodell erfunden – und mit erstaunlicher Sicherheit vertreten.

Die Fünf-Prozent-Hürde ist tatsächlich ein interessantes demokratisches Instrument.
Sie wurde eingeführt, damit Parlamente nicht in dutzende Kleinstgruppen zerfallen und dadurch handlungsunfähig werden.
Historisch hängt das mit den Erfahrungen der Weimarer Republik zusammen. 

Man kann über diese Hürde diskutieren.
Man kann sie kritisieren.
Man kann sie verteidigen.
Demokratie lebt genau davon.

Aber nein – die Stimmen kleiner Parteien „wandern“ nicht einfach heimlich zu irgendwelchen Großparteien, damit diese „an der Macht bleiben“. 

Das klingt eher wie ein Mechanismus aus einem dystopischen Roman mit geheimen Hebeln hinter dem Bundestag.

Was tatsächlich passiert, ist viel nüchterner – und wahrscheinlich gerade deshalb weniger attraktiv für manche Menschen: 

Parteien unter fünf Prozent ziehen normalerweise nicht ins Parlament ein.
Dadurch werden die Sitze unter den Parteien verteilt, die den Einzug geschafft haben. 

Das ist ein Unterschied.
Ein mathematischer, juristischer und demokratischer Unterschied.

Aber Mathematik hat ein Problem: Sie ist langweilig gegen Emotionen.

Und vielleicht liegt genau dort das eigentliche Thema. 

Nicht die Fünf-Prozent-Klausel selbst, sondern diese merkwürdige Entwicklung, bei der komplizierte politische oder technische Vorgänge auf einfache Verdachtsformeln reduziert werden. 

Alles wird zu einem versteckten Trick.
Zu einem geheimen Plan.
Zu einem großen „Die machen das absichtlich“.

Es ist die gleiche Denkweise, die an automatischen Parkplatzschranken scheitert, weil „das neue Zeug“ ja grundsätzlich verdächtig sein muss.
Die gleiche Haltung, die lieber ein Internetvideo glaubt als einer nüchternen Erklärung.
Und manchmal auch die gleiche Haltung, die sich von Algorithmen ihre Weltanschauung zusammensetzen lässt.

Denn echtes Verstehen ist anstrengend.
Man muss lesen.
Nachfragen.
Dinge auseinanderhalten.
Manchmal sogar akzeptieren, dass ein System kompliziert ist, ohne automatisch böse zu sein.

Natürlich darf man Politik kritisieren. 

Natürlich darf man Parteien misstrauen. 

Demokratie ohne Kritik wäre gefährlich. 

Aber Kritik verliert ihren Wert, wenn sie auf falschen Grundlagen aufgebaut wird. 

Dann wird aus Skepsis irgendwann bloß noch Nebel.

Und vielleicht ist das der eigentliche Verlust unserer Zeit: 

Nicht, dass Menschen irren. 

Menschen irrten schon immer. 

Sondern dass viele gar nicht mehr merken, wann sie etwas wissen – und wann sie bloß etwas gehört haben, das sich gut empört.

Der Satz blieb mir jedenfalls im Kopf hängen.
Nicht wegen der Wahlrechtsfrage.
Sondern wegen dieses stillen Gefühls, dass manche Menschen inzwischen lieber an ein verborgenes Machtspiel glauben als an trockene Realität.

Denn die Wahrheit klingt selten spektakulär.

Sie hat meistens keine dramatische Hintergrundmusik.

Es ist eines der großen Mysterien der modernen Menschheit…

Nicht die dunkle Materie.
Nicht die Frage, ob Zeitreisen möglich sind.
Nicht einmal, warum Menschen bei IKEA freiwillig samstags Regale kaufen gehen.

Nein.

Das wahre Rätsel steht auf Fahrradwegen.

Meine Herzallerliebste, unser Hündin Hazel und ich gehen oft spazieren (Gassi).

Und Hazel ist ein guter Hund.
Wirklich.

Aber eben auch ein Hund mit eigener Meinung.
Besonders zu Fahrradfahrern.
Nicht zu allen.
Das wäre zu einfach. 

Hunde arbeiten subtiler. 

Manchmal reicht schon ein bestimmter Fahrstil.
Ein zu leises Heranrollen.
Ein Abrollgeräusch der Reifen.
Ein hektisches Pedal-Treten.
Vielleicht auch einfach nur die Aura eines Menschen, der Carbonfasern für eine Persönlichkeit hält.

Dann passiert es.

Von hinten nähert sich lautlos ein Fahrradfahrer.
Hazel registriert ihn in einer Geschwindigkeit, bei der jeder militärische Frühwarnradar neidisch würde.
Der Kopf hebt sich.
Die Ohren gehen hoch.
Der Blick fixiert das Zielobjekt.

Und meine Herzallerliebste und ich reagieren sofort routiniert wie ein eingespieltes Einsatzteam.

„Hazel.“

Leine kürzer.

Festhalten.

Position sichern.

Denn wir wissen: 

Wenn Hazel entscheidet, dass dieser Fahrradfahrer heute nicht durch ihr persönliches Königreich fahren darf, dann möchte sie das sehr deutlich mitteilen.

Und genau in diesem Moment fährt der Radfahrer vorbei.

Hazel geht hoch.

Nicht wirklich gefährlich. 

Nicht „reißendes Monster”. 

Eher eine empörte Mischung aus: 

„WAS ERLAUBEN SIE SICH EIGENTLICH, HIER SO VORBEIZURAUSCHEN?!“

Wir halten sie selbstverständlich fest. 

Immer.
Sofort.
Kontrolliert.
Verantwortungsbewusst.

Und fast jeder Fahrradfahrer sagt dann im Vorbeifahren etwas wie: „Danke!“
Oder: „Alles gut!“
Oder nickt freundlich.

Bis hierhin noch normale zwischenmenschliche Interaktion.

Doch dann geschieht das Phänomen.

Etwa zehn Meter weiter schaut sich praktisch jeder Fahrradfahrer noch einmal um.

Jeder.

Wirklich jeder.

Manche nur kurz über die Schulter.
Andere drehen fast den gesamten Oberkörper. 

Einige wirken dabei, als würden sie prüfen, ob Hazel inzwischen ein Motorrad organisiert hat, um die Verfolgung aufzunehmen.

Und wir fragen uns jedes Mal: 

„Warum?”

„Was genau erwarten sie?”

Dass wir plötzlich die Leine loslassen und Hazel wie einen haarigen Boden-Luft-Abfangjäger starten?

Vielleicht ist es ein uralter Instinkt.
Vielleicht tief im menschlichen Gehirn verankert.
Eine Art evolutionäres Notfallprogramm: „Gefahr scheinbar gebannt. Trotzdem noch einmal kontrollieren, ob der Wolf wirklich nicht hinterherkommt.“

Vielleicht ist es aber auch einfach die stille Erkenntnis: „Dieser Hund meinte das ernst.“

Denn Hunde können etwas, das Menschen längst verloren haben: 

Absolute Ehrlichkeit im Ausdruck.

Hazel verstellt sich nicht.
Sie führt keine passiv-aggressiven Büromeetings.
Sie schreibt keine kryptischen WhatsApp-Statusmeldungen.
Sie tut nicht so, als wäre alles okay, obwohl nichts okay ist.

Wenn Hazel etwas doof findet, erfährt die Welt das unmittelbar.

Und vielleicht schauen sich die Fahrradfahrer deshalb noch einmal um.
Nicht aus Angst.
Sondern aus einer Mischung aus Respekt, Verwunderung und diesem kurzen Gedanken:

„Mein Gott … der Hund hatte wirklich eine Meinung zu mir.“

Meine Herzallerliebste und ich stehen dann oft da und müssen lachen. 

Weil es jedes Mal gleich abläuft.
Wirklich jedes Mal.

Fahrradfahrer fährt vorbei. 

Hazel diskutiert lautstark die Verkehrssituation. 

Wir halten sie fest. 

Der Fahrer bedankt sich. 

Zehn Meter später: der Kontrollblick zurück.

Ein Naturgesetz.

Newton hätte vermutlich irgendwann das „Gesetz der obligatorischen Schulterumdrehung nach Hundebegegnungen“ formuliert.

Und Hazel?

Die steht dann längst wieder völlig ruhig da, schaut in die Landschaft und tut so, als hätte sie mit alldem überhaupt nichts zu tun gehabt.

Es gibt diese Momente im Leben, in denen man plötzlich erkennt, dass nicht das Alter darüber entscheidet, wer mit neuer Technik zurechtkommt – sondern die Bereitschaft, überhaupt hinzusehen. 

Heute in Schwetzingen war wieder so ein Moment. 

Eigentlich begann alles völlig harmlos. 

Ein schöner Tag, Schlossbesichtigung, Spaziergang, etwas Geschichte, etwas Staunen, diese Mischung aus gepflegter barocker Ordnung und dem beruhigenden Gefühl, dass manche Dinge seit Jahrhunderten einfach funktionieren.
Mauern stehen.
Alleen führen irgendwohin.
Statuen schauen würdevoll in die Gegend.
Menschen schlendern langsam durch den Schlossgarten und tun wenigstens für ein paar Stunden so, als hätte die Welt keinen Dauerstress erfunden.

Das eigentliche Schauspiel begann allerdings nicht im Schloss, sondern später auf dem Parkplatz.

Ein moderner Parkplatz. Schrankenanlage mit Kennzeichenerkennung. 

Also eigentlich ein System, das für Menschen gemacht wurde, die keine Lust mehr haben, irgendwelche Papierzettel zu ziehen, zu verlieren oder beim Ausfahren hektisch zwischen Einkaufsbons und alten Tankquittungen nach dem Parkticket zu suchen. 

Man fährt hinein, das Kennzeichen wird registriert, man bezahlt später am Automaten, gibt vorher das Kennzeichen ein, bestätigt das angezeigte Foto des Autos, bezahlt – und fährt einfach hinaus. 

Fertig.

Kein Ticket.

Kein Drama.

Keine Diplomarbeit.

Zumindest theoretisch.

Denn praktisch wurde der Parkplatz zur Freiluftbühne einer gesellschaftlichen Tragikomödie.

Schon an der Einfahrt begann die Aufführung. 

Vorne, groß sichtbar, ein Monitor.
Darauf in deutlichen Buchstaben das Kennzeichen des jeweiligen Fahrzeugs und sinngemäß: „Ihr Fahrzeug wurde registriert. Park-Ticket nicht nötig. Bitte fahren Sie ein.“

Klare Sache eigentlich.
Das System sagt praktisch: „Ich kenne dich jetzt. Fahr einfach.“

Doch genau dort begann bei manchen Menschen bereits der geistige Kurzschluss.

Einige blieben regungslos vor der geöffneten Schranke stehen wie Rehe im Fernlicht.
Andere blickten suchend aus dem Seitenfenster, offenbar in Erwartung eines Tickets, das irgendwo aus einer geheimen Öffnung erscheinen müsste, weil Schranken seit den achtziger Jahren gefälligst Tickets auszuspucken haben.
Wieder andere schauten auf den Bildschirm, dann auf die Schranke, dann wieder auf den Bildschirm, als hätte man ihnen gerade einen altägyptischen Fluch in Hieroglyphen präsentiert.

Man konnte regelrecht beobachten, wie jahrzehntelang antrainierte Automatismen mit der Gegenwart kollidierten.

„Wo Ticket?“

„Warum Schranke offen?“

„Das kann doch nicht richtig sein.“

Und dann diese Mischung aus Misstrauen und Empörung.
Dieses typische deutsche Technik-Grundgefühl:
Wenn etwas unkompliziert funktioniert, muss irgendwo ein Betrug verborgen sein.

Noch schöner wurde es später am Kassenautomaten.

Dort stand es. 

Groß.

Verständlich.

Schritt für Schritt erklärt.
Kennzeichen eingeben. Ohne Leerzeichen. Ohne Bindestrich.
Foto bestätigen.
Zahlen.
Ausfahren.
Fertig.

Also exakt das, was wir getan haben.

Aber um uns herum entwickelte sich ein anthropologisches Lehrstück über die völlige Verweigerung, einfache Anweisungen zu lesen.

Menschen tippten ihr Kennzeichen mit Bindestrich ein.
Mit Leerzeichen.
Manche wahrscheinlich innerlich auch noch in Frakturschrift.
Dann kam natürlich „Kennzeichen nicht gefunden“.
Sofort entstand der Blick, den Menschen bekommen, wenn sie überzeugt sind, Opfer einer technologischen Verschwörung geworden zu sein.

Andere ignorierten die Anleitung komplett und hämmerten irgendwelche Kombinationen ein wie Teilnehmer einer Spielshow. 

Irgendwann erschien das Foto ihres Autos auf dem Bildschirm.

Eigentlich der Moment maximaler Klarheit.

Das eigene Auto. 

Von vorne fotografiert. 

Kennzeichen sichtbar.

Dazu die Frage, ob das Fahrzeug korrekt erkannt wurde.

Doch selbst hier begann bei manchen erst die eigentliche Krise.

Man sah Stirnfalten, Unsicherheit, hektische Blicke. 

Manche schauten hinter den Automaten, als müsse dort noch ein Mensch sitzen, der heimlich kontrolliert, ob man die Aufgabe versteht.
Andere drückten „neu eingeben“, obwohl eindeutig ihr eigenes Fahrzeug zu sehen war.
Vielleicht aus Angst, der Automat könnte sie austricksen.

Und über allem schwebte dieser Satz, den man immer wieder hörte:

„So ein neuer Sch$$$“

Das Faszinierende daran: 

Viele der Menschen, die sich am meisten aufregten, waren deutlich jünger als wir.

Da standen Leute, die mit Smartphones aufgewachsen sind.
Menschen, die vermutlich gleichzeitig drei Apps bedienen, Kurzvideos schneiden und Essen per QR-Code bestellen können – aber von einem Parkautomaten in eine existentielle Krise gestürzt werden.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem moderner Technik: 

Nicht ihre Komplexität. 

Sondern die Tatsache, dass viele Menschen nicht mehr lesen wollen.

Man möchte heute alles intuitiv.
Alles sofort.
Alles ohne einen einzigen Gedanken.
Technik soll funktionieren wie Magie. 

Aber wehe, man muss tatsächlich zwei Zeilen Anleitung lesen. 

Dann wird aus einem Parkautomaten plötzlich der Endgegner der Zivilisation.

Und während wir dort standen und uns köstlich amüsierten, wurde der Parkplatz fast zu einer kleinen Metapher unserer Zeit.

Die Systeme werden einfacher. 

Die Menschen aber zunehmend ungeduldiger.

Früher musste man Tickets ziehen, aufpassen, sie nicht zu verlieren, passend bezahlen, Schranken bedienen. 

Heute erkennt die Anlage das Auto automatisch, rechnet alles selbst aus und öffnet die Ausfahrt ohne weiteres Zutun.

Eigentlich Fortschritt.

Doch manche reagieren auf Fortschritt inzwischen wie mittelalterliche Bauern auf eine Dampflok.

Mit Skepsis.

Misstrauen.

Und leicht beleidigter Verwirrung.

Am Ende fuhren wir jedenfalls ganz entspannt hinaus. 

Die Schranke erkannte unser Kennzeichen, öffnete sich automatisch, und das war’s.

Keine Diskussion.

Kein Knopf.

Kein Ticket.

Nur hinter uns stand schon wieder jemand regungslos vor der Einfahrt und wartete vermutlich darauf, dass irgendwo ein Papierzettel aus dem Jahr 1984 erscheint.

Es begann, wie so viele große Bewegungen beginnen: mit einem Missverständnis – und einer Fliegenklatsche.

Wir hatten eigentlich nur unsere Ruhe gewollt.

Ein Kaffee, ein stiller Nachmittag, vielleicht ein paar Gedanken für den nächsten Tag.

Doch dann kam sie.

Eine Fliege.

Nicht irgendeine, sondern eine dieser selbstbewussten Vertreterinnen ihrer Zunft, die mit dem Geräusch eines schlecht geölten Miniaturhubschraubers über den Tisch kreisen, als hätten sie Mietrechte.

Früher, in dunkleren Zeiten, hätten wir zur Klatsche gegriffen und – nun ja – die Angelegenheit final geklärt.

Doch wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft.

Tierwohl ist kein Randthema mehr.

Auch nicht für Fliegen.

Besonders nicht für Fliegen, wenn man einmal darüber nachdenkt, dass sie im Grunde nur das tun, was wir alle tun: nerven.

Also entwickelten wir – aus einer Mischung aus moralischer Verpflichtung und leichtem Übermut – eine neue Methode.

Die „sanfte Intervention“.

Wir nehmen die Fliegenklatsche, das Instrument der früheren Barbarei, und setzen sie mit Bedacht ein.

Kein Schlag, keine Gewalt, sondern ein… wie sollen wir sagen… ein pädagogisches Antippen.

Ein leichtes „Touchieren”, wie wir es nennen, weil das Wort „Ohrfeige“ einfach zu drastisch klingt.

Ein Hauch von Kontakt, gerade stark genug, um der Fliege einen Moment der „Besinnung” zu schenken.

Ein kleines Kopf-Aua, ein kurzes Innehalten im hektischen Dasein.

Und dann geschieht etwas Wundervolles.

Die Fliege liegt da.

Nicht tot.

Nur… nachdenklich.

Hier beginnt Phase zwei unseres Konzepts:

Die Bergung.

Wir ordnen zwei Strohhalme mit ruhiger Sorgfalt nebeneinander.
Dazwischen liegt ein gefaltetes Taschentuch – ein kleines Stück Ordnung in einer ansonsten chaotischen Welt.

Die Bahre ist geboren.

Ein Meisterwerk improvisierter Humanität.

Mit sanften Bewegungen nehmen wir die Fliege auf. Keine Hektik, kein Druck. Man könnte fast meinen, man höre im Hintergrund leise klassische Musik. Vielleicht etwas von Bach. Oder zumindest etwas, das Bach gemocht hätte, wenn er Fliegen gekannt hätte.

Und dann: der letzte Akt.

Die Rückführung.

Wir tragen die kleine Patientin hinaus. Durch die Tür, über die Schwelle, hinaus in „ihre Welt“, wie wir es mit einem gewissen Pathos formulieren. Die frische Luft, das Licht, die Freiheit. Ein neues Kapitel für eine Fliege, die gerade noch auf unserem Küchentisch überexistierte.

Wir legen sie behutsam ab.

Warten einen Moment.

Und tatsächlich – manchmal – regt sie sich.
Die Beine zucken, die Flügel vibrieren, und dann erhebt sie sich wieder, leicht taumelnd, vielleicht ein wenig demütiger als zuvor.

Eine Fliege, die das Leben neu schätzt.

Oder zumindest kurz darüber nachdenkt, warum alles plötzlich so laut war.

Natürlich gibt es Kritiker. Menschen, die behaupten, das sei übertrieben.
Dass eine Fliege eine Fliege sei und man die Dinge nicht komplizierter machen müsse, als sie sind.

Doch diese Menschen haben eines nicht verstanden.

Es geht nicht um die Fliege.

Es geht um uns.

Um den Moment, in dem wir entscheiden, dass selbst im Kleinen ein Hauch von Würde möglich ist.

Dass wir nicht immer zuschlagen müssen, wenn wir auch tou-schieren können.
Dass zwischen „ignorieren“ und „vernichten“ noch eine dritte Option existiert: die absurdeste, aufwendigste und vielleicht menschlichste von allen.

Und irgendwo da draußen, auf einer sonnigen Fensterbank, sitzt vielleicht gerade eine Fliege mit leichtem Brummschädel und denkt sich:

„Das war knapp.“

Ein milder Nachmittag am Neckar.

Das Licht liegt weich auf der Wiese, irgendwo glitzert das Wasser, und die Welt wirkt für einen Moment so, als hätte sie beschlossen, sich einfach nicht einzumischen. Menschen sitzen im Gras, reden leise, lachen, lehnen sich zurück. Alles ist ruhig, fast beiläufig schön.

Mitten in dieser friedlichen Szene: eine Picknickdecke, drei Frauen, ein kleines, sorgfältig arrangiertes Buffet.
Brot, Snacks, vielleicht etwas Süßes – nichts Großes, aber genau richtig für einen entspannten Nachmittag.

Und dann betreten sie die Bühne.

Die Gänse.

Sie kommen nicht hastig, nicht laut, sondern mit einer Ruhe, die sofort klar macht: Hier geht es nicht um Zufall.

Ein paar Schritte näher, ein prüfender Blick, ein leichtes Strecken der Hälse.

Die Frauen bemerken sie.
Erst ein Lächeln – dieses typische „Ach, wie niedlich“.

Dann ein Zögern. dann das Aufstehen.

Jetzt stehen sie neben ihrer Decke. nicht geflohen, aber auch nicht mehr wirklich im Besitz der Situation.

Die Gänse registrieren das sofort.

Ein kurzer Moment der Stille – als würde etwas entschieden.

Dann die unausgesprochene Ansage:

„Wir übernehmen jetzt das Buffet.”

Was folgt, ist keine hektische Szene.

Keine chaotische Jagd.

Sondern etwas viel Eindrucksvolleres: Kontrolle.

Eine Gans tritt vor, greift sich ein Stück.

Die nächste folgt.

Keine Eile, kein Durcheinander – eher ein ruhiges, beinahe elegantes Abarbeiten.

Die Frauen stehen daneben.

Zwischen Angst und Faszination.

Man sieht es ihnen an:

Sie wollen eingreifen.

Wollen ihr Essen verteidigen.

Aber irgendetwas hält sie zurück.

Vielleicht das Zischen.

Vielleicht das Flügelstrecken.

Vielleicht einfach diese unerschütterliche Selbstverständlichkeit, mit der die Tiere auftreten.

Denn die Gänse wirken nicht aggressiv.

Nicht wild.

Sondern… überlegen.

Ein kurzer Blick, ein minimal gehobener Flügel – mehr braucht es nicht.

Die Botschaft ist klar:

Das hier ist keine Verhandlung.

Die Frauen versuchen es trotzdem.

Ein halbherziges „Husch“.

Ein kleiner Schritt nach vorne.

Die Gänse reagieren kaum.

Wenn überhaupt, dann mit einem ruhigen Nachsetzen.

Ein kleines Stück näher.

Ein weiterer Griff ins Buffet.

Und so verschiebt sich die Realität.

Nicht plötzlich, nicht dramatisch – sondern fast unmerklich.

Die Decke gehört noch den Frauen.

Aber alles, was darauf liegt, hat längst den Besitzer gewechselt.

Zurück bleibt ein Bild von eigentümlicher Klarheit:

Drei Menschen, die danebenstehen.

Eine Gruppe Gänse, die sich bedient.

Und eine stille, fast elegante Machtdemonstration, die ohne Lautstärke auskommt.

Am Neckar, an einem ganz normalen Nachmittag, hat sich für ein paar Minuten die Ordnung der Dinge verschoben.

Und niemand konnte ernsthaft behaupten, überrascht gewesen zu sein.

Die Märchenbücher müssen umgeschrieben werden – und zwar sofort, dringend, mit einer Notfallkommission aus Literaturwissenschaftlern, Bauern und einem besonders sarkastischen Fußpfleger

Es war ein Moment von so atemberaubender Banalität, dass selbst die Möwen am Himmel vor Langeweile die Flügel hängen ließen. 

Hazel und ich – zwei moderne Märchenarchäologen, ich bewaffnet mit Kaffee im Thermosbecher und einer kollektiven Abneigung gegen Happy Ends – trotteten über ein Feld, das so idyllisch aussah, als hätte es ein Tourismusverband persönlich mit Photoshop bearbeitet. 

Die Sonne stand in einem Winkel, der nur von Leuten geliebt wird, die noch nie einen Sonnenbrand hatten, und die Erde roch nach dem, was passiert, wenn Regen auf Mist trifft: nach Hoffnung für Dichter und Desillusionierung für alle anderen.

Und dann sahen wir ihn.

Den Schuh.

Nicht irgendeinen Schuh. 

Nicht den gläsernen Pantoffel einer Disney-Prinzessin, der aussieht, als hätte ihn ein betrunkener Juwelier aus den Tränen enttäuschter Brautjungfern geformt. 

Nein. 

Es war ein linker Turnschuh, Größe 36, mit einem abgelösten Absatz, der aussah, als hätte er einen Existenzkampf gegen einen besonders aggressiven Pflug verloren. 

Die Farbe? 

Einst vielleicht jeansblau, jetzt eher „Schlamm mit einem Hauch von ‚Ich habe aufgegeben‘“. 

Die Schnürsenkel? 

Ein Stück fehlte, der Rest baumelte wie ein Symbol für alle unvollendeten Lebensprojekte in einer Öse. 

Und die Sohle? 

Abgelaufen. 

Nicht im metaphorischen Sinn. 

Wörtlich. 

Wie die Garantie auf einem Billigstaubsauger.

Hazel hob ihn mit ihrer Schnauze auf, als wäre er ein Beweisstück in einem besonders deprimierenden Kriminalfall. 

“Wuff”, sagte sie, meinte aber: “Der riecht nach Schicksal. Und nach Gülle.”

Und in diesem Moment, zwischen dem Geruch von feuchter Erde und dem leisen Flüstern meiner eigenen existentiellen Krise, kam mir der erlecuhtende Gedanke. 

“Die Märchenbücher müssen nicht nur umgeschrieben werden. Sie müssen mit einem Presslufthammer bearbeitet, durch einen Wolf gedreht und dann von einem Team aus Zynikern, Feministinnen und einem chronisch überarbeiteten Landwirt neu erfunden werden.“

Die offizielle Version: Cinderella verliert ihren Schuh auf einem Ball. 

Ein Event, bei dem mehr Goldfolie verbraucht wird als bei einer Rapper-Hochzeit.
Kronleuchter, die aussehen, als hätten sie einen Kredit bei der Bank der Eitelkeiten aufgenommen.
Ein Prinz, der so charmant ist, dass man vergisst, dass er wahrscheinlich Steuern auf Armut erhebt. 

Und natürlich: Der Schuh. 

Ein gläsernes Meisterwerk der Orthopädie, das jede Frau mit mehr als Größe 36 sofort als „nicht prinzenwürdig“ entlarvt.

Aber mal ehrlich!

Wer verliert auf einem Ball einen Schuh? 

Selbst nach fünf Gläsern Champagner und einem Tanz mit dem Großherzog von Peinlich schafft man es meistens, beide Schuhe an den Füßen zu behalten.
Es sei denn, der Schuh war so unbequem, dass Cinderella ihn absichtlich zurückließ – als symbolische Geste gegen die Patriarchat-Pantoffel-Industrie.

Die wahre Geschichte? 

Cinderella war auf einem Dorfest.
Einem Event, bei dem der Höhepunkt nicht die Mitternachtsquadrille, sondern Onkel Horsts 17. Versuch war, einen Nagel mit dem Kopf einzuschlagen.
Wo der „Ball“ eigentlich ein Zelt war, das nach Bier und verzweifelter Lebensplanung roch.
Wo die „königliche Musik“ aus einer kaputten Orgel kam, die nur noch „Kriminaltango” und „Atemlos durch die Nacht“ spielte, zumindest halbwegs.
Und wo Cinderella nicht vor Mitternacht fliehen musste, weil ihre Kutsche zum Kürbis wurde, sondern weil der letzte Bus fuhr – und der kostete 3,50 Euro, die sie sich vom Mund abgespart hatte.

Und der Schuh? 

Der war kein gläserner Pantoffel. 

Der war ein ausgeliehener Turmschuh, Baujahr 1970, von ihrer Tante Gerda, der schon bei der Anprobe so drückte, dass Cinderella heimlich betete, Gott möge sie erlassen – oder wenigstens den Schuh. 

Als sie dann über den matschigen Parkplatz stolperte (weil jemand – nämlich Prinz Charming – seine leere Bierflasche einfach in den Dreck geworfen hatte), blieb der Schuh im Schlamm stecken. 

Und sie ließ ihn liegen. 

Nicht aus Versehen. 

Aus Protest.

Die offizielle Version: Der Prinz, ein Mann mit dem emotionalen Tiefgang eines Löffels, reist durchs ganze Land und lässt jede Frau einen Schuh anprobieren. 

Romantisch! 

Vor allem, wenn man bedenkt, dass er damit eigentlich sagt: „Ich suche eine Frau, die in diesen einen, spezifischen Schuh passt – und wenn nicht, Pech gehabt, du bist wohl nicht meine Seelenverwandte, du hässliche Größe 37.”

Aber mal unter uns!

Was, wenn der Prinz gar nicht nach Cinderella suchte?
Was, wenn er einfach nur ein Fetischist war?
Ein Mann, der seine Macht demonstrieren wollte, indem er Frauen zwang, sich für einen Schuh zu erniedrigen?

„Ja, ich bin der Prinz, und nein, ich werde nicht fragen, wie du heißt oder was du denkst – aber dein Fuß sieht ja süß aus in diesem gläsernen Folterinstrument! Ich genieße deine Tränen.”

Die wirklich wahre Geschichte? 

Der Prinz fand den Schuh nie. 

Er gab nach drei Tagen auf, weil er merkte, dass keine Frau in seinem Königreich Größe 36 trug – außer seiner Cousine Giselda, und die wollte er wirklich nicht heiraten. 

Also erfand er eine Geschichte. „Ich habe meine große Liebe gefunden!“

Er meinte damit seinen neuen Jagdhund. 

Und der Schuh?

Der landete in der Rumpelkammer, neben den anderen gescheiterten Beziehungsprojekten des Prinzen: einem halbleeren Parfümflakon von „Eau de Verlogenheit“ und einem Brief, in dem eine Ex ihm schrieb: „Dein ‚Charme‘ ist so oberflächlich wie dein Verständnis für Steuern.”

Die ganz offizielle Version: 

Cinderella ist ein sanftes, demütiges Mädchen, das brav ihre Stiefschwestern ertragen und auf ihre Erlösung durch einen Mann wartet. 

Ein Traum für alle, die Frauen am liebsten in Kategorien wie „engelsgeduldig“ oder „hysterisch“ einteilen.

Aber mal im Ernst!

Wer würde freiwillig mit jemandem zusammenleben, der ihr Asche ins Essen streut? 

Das ist kein Märchen – das ist ein Hilferuf an das Jugendamt. 

Cinderella war kein passiver Prinzessinnen-Groupie.

Sie war eine Überlebenskünstlerin.

Eine Frau, die lernte, wie man mit einem Löffel Suppe und einer Portion Sarkasmus durch den Tag kommt, ohne in einen Welle aus Bluimie zu verfallen.
Die ihre Stiefschwestern nicht „erduldete“, sondern ausspionierte, um ihre schwachen Stellen zu finden.

Die eine hatte eine Glutenunverträglichkeit, die andere eine peinliche Vorliebe für Liebesromane mit Hausärzten.

Die wirkich wahre Geschichte? 

Cinderella fand den verlorenen Schuh selbst wieder. 

Als sie am nächsten Morgen mit einem Kater (nicht der tierische, der metaphorische) aufs Feld ging, um die Ernte einzubringen, die ihre Stiefschwestern „wieder mal” verschlafen hatten. 

Sie sah den Schuh. Dann lachte sie lauthals und dachte: „Wenn der Prinz mich wirklich wollte, hätte er mir wenigstens eine SMS geschrieben.“

Dann pflanzte sie weiter.
Bauchte sich einen eigenen Kürbis an. 

Und eröffnete später ein erfolgreiches Gemüse-Imperium, während der Prinz pleiteging, weil er sein ganzes Geld in gläserne Schuhe investiert hatte – die niemand kaufen wollte, weil niemand Größe 36 hatte.

Epilog: Der Schuh im Feld – oder: Warum die besten Geschichten die sind, die niemand erzählt

Der Schuh, den Hazel und ich fanden, liegt immer noch da, weil er eklehaft nach Gülle stinkt.
Ein stummer Zeuge einer Geschichte, die niemand aufschreiben wird. 

Kein Prinz wird kommen.
Keine Fee wird ihn in Diamant verwandeln. 

Er wird einfach langsam verrotten, bis nur noch die Sohle übrig ist – ein letzes „Ihr könnt mich mal!” an alle, die dachten, Märchen müssten schön enden.

Vielleicht war Cinderella nie auf einem Ball.
Vielleicht hat sie nie einen Prinzen geheiratet.
Vielleicht hat sie einfach nur gelebt.
Gearbeitet.
Gelacht.
Geliebt.

Ohne dass es jemand für wichtig genug hielt, es aufzuschreiben.**

Und das, liebe Märchenbuchverlage, ist der Moment, in dem ihr kapiert: „Die besten Geschichten sind nicht die, die mit ‚Und wenn sie nicht gestorben sind…’“ enden. 

Sondern die, die einfach weitermachen. 

Mit schmutzigen Händen. 

Und einem verlorenen Schuh im Schlamm.

Liebe Leserinnen und Leser!
Wer schreibt mit? 

Ich schlage vor, wir fangen mit „Dornröschen“ an. 

Sie schlief nicht. 

Sie hatte einfach nur genug von Männern, die sie ohne Einwilligung küssen.

„Dumm gucken, schlau denken“ ist einer dieser Sätze, die auf den ersten Blick wie ein Witz wirken – und auf den zweiten Blick wie eine Lebensstrategie. 

Er beschreibt eine Haltung, die in vielen Situationen erstaunlich wirksam ist: Man gibt sich nach außen harmlos, unspektakulär, vielleicht sogar ein wenig naiv – während man innerlich wach bleibt, klar analysiert und sehr genau plant. 

Es ist die Kunst, nicht mit der Stirn zu kämpfen, sondern mit dem Kopf.

Im Kern meint der Satz: Nicht jeder, der ruhig ist, ist ahnungslos. Nicht jeder, der wenig sagt, hat wenig verstanden. Und nicht jeder, der sich nicht aufplustert, ist schwach. 

Im Gegenteil: Oft ist es gerade die leise Person, die die Lage am besten erfasst. Sie beobachtet, sortiert, erkennt Muster, bewertet Risiken – und handelt dann zur richtigen Zeit. 

Während andere sich mit Lautstärke, Dominanz oder Selbstdarstellung beschäftigen, baut sie innerlich bereits das Schachbrett auf.

Diese Haltung ist besonders in Umgebungen nützlich, in denen viele Menschen ihre Energie darauf verwenden, sich zu positionieren. 

In Hierarchien, in Teams mit Ego-Konflikten, in Betrieben, in denen Verantwortung gerne nach unten weitergereicht wird, oder überall dort, wo man schnell in Machtspiele hineingezogen werden kann. 

Wer dort offen zeigt, wie klar er denkt, macht sich manchmal zur Zielscheibe. 

Denn Klarheit kann bedrohlich wirken. Sie nimmt anderen die Möglichkeit, Nebel zu werfen. 

Sie entlarvt Ausreden. 

Sie stellt Fragen, die nicht bequem sind. Und deshalb reagieren manche Menschen auf Klarheit nicht mit Respekt, sondern mit Angriff, Abwertung oder subtiler Sabotage.

„Dumm gucken, schlau denken“ ist dann eine Form von Selbstschutz. 

Es bedeutet nicht, dass man sich klein macht.
Es bedeutet, dass man seine Stärke nicht ständig auf dem Präsentierteller trägt. 

Man zeigt nicht jedem sofort die Karten. Man lässt andere reden. Man lässt sie sich in ihre Geschichten hineinsteigern. Man lässt sie glauben, sie hätten die Kontrolle. 

Und genau in diesem Moment gewinnt man Informationsvorsprung. Denn wer redet, verrät. Wer prahlt, entblößt. Wer sich aufplustert, zeigt oft mehr Unsicherheit als er selbst merkt.

Das ist der Punkt, an dem der zweite Teil der Übersetzung ins Spiel kommt: „Meister der Tarnung – Genie der Planung.“ 

Tarnung bedeutet nicht Täuschung im moralisch fragwürdigen Sinn. 

Tarnung bedeutet, sich nicht unnötig zu exponieren. 

Es ist das bewusste Weglassen von Signalen, die andere sofort aufschrecken würden. 

Wer sich klug verhält, muss nicht jedem beweisen, wie klug er ist. Er muss nur erreichen, dass die Situation am Ende so ausgeht, wie sie ausgehen soll.

In der Praxis sieht das so aus: Während andere sich streiten, hört man zu. 

Während andere Schuld verteilen, dokumentiert man Fakten.

Während andere dramatisieren, bleibt man ruhig. 

Während andere sich in Details verlieren, erkennt man die Struktur. Während andere versuchen, mit Autorität zu gewinnen, gewinnt man mit Präzision. 

Man lässt sich nicht auf Nebenschauplätze ziehen.
Man reagiert nicht auf Provokationen.
Man wird nicht laut, nur weil jemand anders laut wird. Man bleibt bei der Sache. 

Und genau dadurch entsteht eine innere Überlegenheit, die man nicht schreien muss.

Diese Haltung hat etwas von strategischer Geduld. 

Sie ist das Gegenteil von Impuls. 

Viele Menschen verwechseln Impulsivität mit Stärke.
Sie glauben, wer schnell reagiert, sei souverän. 

In Wahrheit ist schnelle Reaktion oft nur schnelle Überforderung. „Dumm gucken, schlau denken“ bedeutet: erst denken, dann handeln. 

Und zwar nicht langsam, sondern bewusst. 

Es ist wie ein kurzer Moment innerer Stille, in dem man sich selbst fragt: Was passiert hier wirklich?
Was ist die Absicht des anderen?
Welche Information fehlt?
Welche Konsequenz hat mein nächster Satz?

Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass man nicht in die Rolle rutscht, die andere einem geben wollen.
In toxischen Dynamiken versuchen Menschen oft, anderen Rollen zuzuschreiben: der Unfähige, der Anfänger, der Störer, der Überempfindliche, der Querulant. 

Wenn man sich emotional hineinziehen lässt, erfüllt man diese Rolle. 

Man reagiert, wie es erwartet wird.
Man liefert Angriffsfläche.
Man macht sich berechenbar. 

Wer hingegen „dumm guckt“, also äußerlich neutral bleibt, gibt dieser Rollenzuweisung keinen Halt. 

Er bleibt ungreifbar.
Er bleibt schwer manipulierbar. 

Und das ist in Machtspielen eine enorme Stärke.

Dabei geht es nicht darum, dauerhaft passiv zu sein. 

Das wäre ein Missverständnis. „Dumm gucken, schlau denken“ ist keine Kapitulation, sondern eine Form von Timing. 

Man wählt den Moment, in dem man spricht.
Und wenn man spricht, dann sitzt es. 

Nicht zehn Sätze, nicht Rechtfertigungen, nicht Erklärungen. S
ondern ein Satz, der den Kern trifft.
Ein Satz, der die Nebelwand aufreißt.
Ein Satz, der zeigt: Ich habe verstanden.
Und ich lasse mich nicht abwimmeln.

In einer Arbeitswelt, in der viele Führungskräfte mit Floskeln arbeiten, ist diese Haltung besonders wertvoll. 

Wenn ein Chef versucht, eine berechtigte Frage mit einem lapidaren Satz abzuschneiden, dann ist der Reflex vieler Menschen: Entweder klein beigeben oder in den Konflikt gehen. 

Beides führt oft zu Stress. 

„Dumm gucken, schlau denken“ ist der dritte Weg: ruhig bleiben, aber nicht nachgeben. 

Man nimmt den Satz zur Kenntnis – und stellt die Frage trotzdem noch einmal, sachlich, präzise, ohne Emotion. 

Man zeigt damit: „Ich habe Ihre Abwehr bemerkt. Ich gehe nicht in Ihr Spiel. Aber ich brauche die Information. Und ich bleibe so lange dabei, bis sie da ist.”

Das ist ein stiller Machtgewinn. 

Nicht, weil man jemanden „besiegt“, sondern weil man die Kontrolle über sich selbst behält. 

Wer sich nicht provozieren lässt, bleibt handlungsfähig.
Wer handlungsfähig bleibt, kann gestalten.
Und wer gestalten kann, ist nicht Opfer der Umstände, sondern Akteur.

Psychologisch betrachtet steckt darin auch ein Schutz vor dem sogenannten „Ego-Haken“.

Viele Konflikte eskalieren nicht wegen der Sache, sondern weil das Ego anspringt. 

Jemand fühlt sich angegriffen, nicht respektiert, nicht gesehen.
Und plötzlich geht es nicht mehr um Regeln, sondern um Rang, Status, Kränkung. 

„Dumm gucken, schlau denken“ ist eine Methode, das Ego bewusst klein zu halten. 

Man lässt es nicht ans Steuer.
Man bleibt beim Ziel.
Und das Ziel ist meistens nicht, Recht zu haben, sondern wirksam zu sein.

Natürlich hat diese Haltung auch Grenzen. 

Sie ist kein Freifahrtschein, alles zu schlucken. 

Wer dauerhaft nur tarnen und planen muss, weil ein Umfeld permanent toxisch ist, lebt in ständiger Anspannung. 

Dann wird die Strategie zur Überlebenshaltung, und das kostet Energie. 

In einem gesunden Team braucht man diese Tarnung nicht.
Dort darf man offen sein, klar sein, menschlich sein. 

Aber in Umfeldern, in denen man mit Egos, Unsicherheit und Machtspielchen zu tun hat, ist sie manchmal das klügste Werkzeug, das man hat.

Am Ende bedeutet „Dumm gucken, schlau denken“ vor allem eines: 

Man verwechselt Lautstärke nicht mit Kompetenz.
Man verwechselt Dominanz nicht mit Recht.
Man verwechselt Selbstbewusstsein nicht mit Wahrheit.
Man bleibt ruhig, weil man weiß, dass die wichtigste Kontrolle nicht über andere geht, sondern über sich selbst.

Der „Meister der Tarnung“ ist nicht derjenige, der sich versteckt.

Sondern derjenige, der entscheidet, wann er sichtbar wird.

Und das „Genie der Planung“ ist nicht derjenige, der alles kontrollieren will.

Sondern derjenige, der sich nicht kontrollieren lässt.

Die Hochzeit des Jeff Bezos: Protz, Heuchelei und Verachtung für Venedig

Die Hochzeit von Amazon-Chef Jeff Bezos und Lauren Sanchez in Venedig ist kein romantisches Märchen, sondern eine dreiste Zurschaustellung von Reichtum, Macht und ökologischer Doppelmoral. 

Während sich das Milliardärspaar in einer exklusiven Luxus-Location feiern lässt, wird ein ganzer Bereich der historischen Stadt für die Öffentlichkeit gesperrt – eine Unverschämtheit gegenüber den Venezianern und Touristen, die die Stadt eigentlich erleben wollen.

Doch das ist noch nicht alles: Bezos, der sich gerne als Umwelt-Visionär inszeniert, reist natürlich mit seinem Privatjet an – ebenso wie seine eingeladenen Gäste, die ebenfalls in ihren eigenen Fliegern anreisen. 

Eine groteske Klimasünde, die zeigt, wie hohl die angeblichen Nachhaltigkeitsbemühungen von Amazon sind. 

Während das Unternehmen mit PR-Kampagnen über „Klimaneutralität” trommelt, pusten Bezos und sein Jetset-Club tonnenweise CO₂ in die Atmosphäre – nur damit die High Society sich auf Kosten einer ohnehin vom Massentourismus geplagten Stadt selbst beweihräuchern kann.

Venedig, eine Stadt, die unter Überflutung, Overtourism und dem Verlust ihrer kulturellen Identität leidet, wird hier einmal mehr zur Kulisse für die Selbstinszenierung der Superreichen degradiert. 

Während normale Besucher sich durch überfüllte Gassen quälen, wird für Bezos & Co. einfach mal ein ganzer Bereich freigeräumt – als gehöre die Stadt ihm.

Diese Hochzeit ist kein Fest der Liebe, sondern eine Demonstration von Privilegien und Verantwortungslosigkeit. 

Jeff Bezos könnte mit seinem Einfluss und seinem Vermögen tatsächlich etwas für den Planeten tun – stattdessen veranstaltet er eine klimaschädliche Luxus-Party auf Kosten der Allgemeinheit. 

Mehr Heuchelei geht kaum.

Weltkongress der Prokrastination verschoben – Neuer Termin: 2030

Zum Bedauern mancher und zum stillen Amüsement vieler ist der mit Spannung erwartete Weltkongress der Prokrastination, ursprünglich für von 27. Juni bis zum 29. Juni 2025 geplant, offiziell auf das Jahr 2030 verschoben worden. 

Der Kongress, der in den letzten Jahren eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich zog, hätte erstmals Prokrastinations-Expert:en, Forscher und Praktiker aus aller Welt in einem großen Forum zusammengebracht, um die Bedeutung des Aufschiebens für das menschliche Verhalten, die Kreativität und die Produktivität zu erörtern. 

Die Veranstalter versprechen jedoch, dass das Warten sich lohnen wird.

„Der Kongress wird irgendwann stattfinden – versprochen“

Die Ankündigung erfolgte am 9. November 2024 in einem Statement der Organisation „Global Delay Society“, die für die Ausrichtung des Kongresses verantwortlich ist. 

In der Erklärung hieß es: 

„Die Vorbereitungen haben Fortschritte gemacht, allerdings fühlen wir, dass wir noch einige Jahre zusätzliche Planung und Reflexion benötigen, um der Veranstaltung das Format und die Bedeutung zu verleihen, die sie verdient.“ 

Der Sprecher der Gesellschaft, Dr. Augustin Tardia, äußerte sich auf Nachfrage in gewohnt gelassener Manier:

„Es wäre viel zu übereilt gewesen, den Kongress bereits 2024 abzuhalten. Schließlich ist die Kunst des Aufschiebens nichts, was man unter Zeitdruck tun sollte.“

Ein Kongress im Geiste des Aufschiebens

Der Weltkongress der Prokrastination sollte ursprünglich ein zweitägiges Programm umfassen, das von Vorträgen und Diskussionsrunden bis hin zu praktischen Workshops reichte. 

Geplante Themen waren unter anderem: „Die verborgenen Vorteile des Aufschiebens“, „Das kreative Potenzial der letzten Minute“ und „Die Wissenschaft der Prokrastination: Mythos oder evolutionäre Notwendigkeit?“. 

Auch ein Panel zum Thema „Kulturelle Unterschiede im Aufschieben – Weltweit ähnliche Muster?“ war angedacht. 

Viele Teilnehmer:innen, darunter renommierte Psychologen, Soziologen und Neurowissenschaftler, hatten bereits zugesagt und ihre Teilnahme bestätigt – allerdings nur unter der Bedingung, dass ihre Vorträge flexibel verschoben werden könnten.

„Ein ehrliches Fest der Aufschieberitis“

Viele der angemeldeten Teilnehmer begrüßen die Verschiebung des Events. 

So erklärte etwa die bekannte Verhaltenspsychologin Dr. Elisa Langzeit:

„Ein Kongress über Prokrastination kann nur authentisch sein, wenn er selbst immer wieder verschoben wird. Wir schaffen damit Raum für wahre Reflexion und können den inneren Dialog des Aufschiebens zelebrieren.“ 

Sie sieht die Verzögerung als wichtigen Bestandteil des Kongress-Erlebnisses, das die Mentalität der Prokrastination auf einer tiefen Ebene verankern soll.

Im Kreise der Prokrastinations-Forscher wächst jedoch eine Sorge, dass die Verschiebung möglicherweise das Interesse am Thema mindern könnte. 

Dies weist der Kongress-Vorsitzende Dr. Tardia allerdings zurück:

„Ganz im Gegenteil! Die Leute, die sich wirklich für das Thema begeistern, werden darauf warten, egal wie lange es dauert. Sie sind geübt darin, sich Dinge für später aufzusparen. Es ist das Wesen der Prokrastination, den Moment auszudehnen und die Erwartung aufrechtzuerhalten.“

Ein Ausblick auf das Programm (… vielleicht)

Nach Aussagen der Organisatoren wird das Programm im Jahr 2030 noch umfangreicher ausfallen. 

Neben den ursprünglich geplanten Vorträgen und Workshops wird derzeit an neuen Formaten gearbeitet, darunter ein „Aufschiebe-Marathon“, bei dem die Teilnehmer:innen versuchen sollen, eine Aufgabe möglichst lange nicht zu erledigen. 

Hierfür könnten Preise wie „Längstes Zögern“ und „Kreativstes Hinauszögern“ vergeben werden. 

Für Entspannungspausen, die ausschließlich dafür vorgesehen sind, dass die Teilnehmer sich vor geplanten Aufgaben drücken, ist ebenfalls ausreichend gesorgt.

Ein weiteres Highlight soll der „Prokrastinations-Battle“ werden, bei dem sich Teilnehmer gegenseitig in kreativen Formen des Aufschiebens übertrumpfen können. 

Hier sind Reden zu erwarten, die durch unterbrochene Gedankengänge und Abschweifungen bestechen und so das Thema auf charmante Weise repräsentieren. 

Abgerundet wird das Ganze durch die „Galerie der Unvollendeten Werke“, eine Ausstellung, die Werke aus aller Welt zeigen wird, die in verschiedenen Stadien der Unvollständigkeit stecken geblieben sind. 

Von halbfertigen Gedichten bis zu unfertigen Gemälden und halb programmierten Apps sollen hier die Schönheit und der Charme des Unvollendeten zelebriert werden.

Eine Veranstaltung in der Schwebe

Während die „Global Delay Society“ versichert, dass das Interesse und die Unterstützung der Community für die Verschiebung hoch sind, gibt es Stimmen, die den Beschluss kritisch betrachten. 

So äußerte der schweizerische Soziologe Dr. Hans Späterlii seine Bedenken: 

„So sehr ich die Idee des Kongresses schätze, so frage ich mich, ob die fortlaufenden Verzögerungen nicht ein strategisches Mittel sind, um das Thema weiter zu mystifizieren und die Aufmerksamkeit in der Schwebe zu halten. Die Prokrastination ist ein Phänomen, das man durchaus ernst nehmen sollte – besonders in einer Welt, die immer schneller wird.“

Doch ungeachtet solcher Einwände verspricht die „Global Delay Society“, dass der Kongress ein Ereignis wird, das die Welt des Aufschiebens für immer prägen wird – wann immer es schließlich stattfinden wird.

Ausblick auf die Zukunft des Prokrastinations-Kongresses

Mit dem neuen Termin im Jahr 2030 hoffen die Organisatoren, genügend Zeit zu haben, um ein bahnbrechendes Event auf die Beine zu stellen. 

Für all diejenigen, die sich bereits eingehend mit dem Thema beschäftigt haben und nun enttäuscht sind, bietet die „Global Delay Society“ jedoch eine aufmunternde Botschaft:

„Man kann nie früh genug damit anfangen, sich Zeit zu lassen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, sondern genießen Sie den Moment des Wartens – schließlich ist das die wahre Kunst der Prokrastination.“

Ob die Veranstaltung tatsächlich 2030 stattfinden wird oder dann erneut verschoben wird, bleibt offen. 

Bis dahin bleibt der Weltkongress der Prokrastination ein amüsantes, doch immer ernstzunehmendes Symbol unserer Beziehung zur Zeit, zu den eigenen Erwartungen – und zum Zauber der unerledigten Dinge.

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