Deutschland

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Die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 hat das politische Kräfteverhältnis im Südwesten spürbar verändert und einen Wahlabend hervorgebracht, der von vielen Beobachtern als politischer Einschnitt beschrieben wird. 

Nach dem amtlichen Endergebnis bleiben die Grünen zwar stärkste Kraft, doch ihr Vorsprung auf die CDU ist äußerst knapp. 

Gleichzeitig erlebt die AfD einen starken Aufschwung und erzielt den größten Stimmenzuwachs aller Parteien. 

Die SPD fällt auf ihr schwächstes Ergebnis, bleibt aber noch im Landtag vertreten, während sowohl FDP als auch „Die Linke” an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und damit künftig nicht mehr im Landtag vertreten sind.

Die Grünen erreichen nach den vorläufigen Ergebnissen 30,2 Prozent der Zweitstimmen.
Damit bleiben sie zwar stärkste Kraft im Land, müssen jedoch leichte Verluste im Vergleich zur Wahl von 2021 hinnehmen.
Damals lagen sie noch deutlich höher, sodass der jetzige Stimmenanteil zwar weiterhin eine führende Rolle sichert, aber nicht mehr den klaren Abstand zu den anderen Parteien bedeutet.
Für die Partei bleibt der Wahlabend dennoch ein Erfolg, weil sie trotz Gegenwind aus der Bundespolitik und trotz wachsender Konkurrenz ihre Stellung verteidigen konnte.
Besonders im urbanen Raum und in Universitätsstädten bleibt ihre Wählerschaft stabil. 

Spitzenkandidat Cem Özdemir konnte zudem in Stuttgart ein starkes Direktmandat gewinnen und sich damit auch persönlich als zentraler Akteur der Landespolitik behaupten. 

Dennoch zeigt das Ergebnis, dass die Grünen zwar weiterhin dominierend sind, ihre politische Vormachtstellung im Land jedoch deutlich fragiler geworden ist als noch in der vergangenen Legislaturperiode.

Sehr dicht hinter den Grünen folgt die CDU mit 29,7 Prozent der Stimmen.
Die Christdemokraten konnten ihr Ergebnis gegenüber der letzten Landtagswahl deutlich verbessern und legten um mehrere Prozentpunkte zu.
Damit gelingt der Partei ein Aufwärtstrend, der insbesondere in vielen ländlichen Wahlkreisen sichtbar wurde.
Außerhalb der großen Städte lag die CDU vielfach deutlich vorne und konnte traditionelle Wählergruppen zurückgewinnen. Trotz dieses deutlichen Zugewinns reichte es am Ende jedoch nicht ganz, um die Grünen zu überholen. 

Der Abstand zwischen beiden Parteien beträgt lediglich einen halben Prozentpunkt, was den Wahlabend für die CDU zugleich als Erfolg und als verpasste Chance erscheinen lässt. 

Politisch bedeutet dieses Ergebnis jedoch, dass die CDU wieder deutlich stärker als Regierungspartei wahrgenommen wird und ihren Anspruch auf politische Führung im Land erneuert hat.

Die größte Dynamik des Wahlabends zeigt sich beim Ergebnis der AfD.
Mit 18,8 Prozent erreicht sie ein Ergebnis, das nahezu einer Verdopplung ihres Ergebnisses von 2021 entspricht.
Der Stimmenzuwachs von über neun Prozentpunkten ist der mit Abstand stärkste aller Parteien.
Damit etabliert sich die AfD endgültig als feste Größe in der politischen Landschaft Baden-Württembergs und wird zur drittstärksten Kraft im Landtag.
Politikwissenschaftler führen dieses starke Wachstum auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen gelang es der Partei, besonders in ländlichen Regionen und kleineren Städten neue Wähler zu mobilisieren.
Zum anderen spielte die Unzufriedenheit mit der Bundespolitik eine Rolle, insbesondere mit Themen wie Migration, Energiepolitik und innerer Sicherheit.
Auch die allgemein angespannte politische Stimmung der vergangenen Jahre dürfte dazu beigetragen haben, dass ein Teil der Wählerschaft sich stärker protestorientierten Parteien zugewandt hat. In vielen Medien wurde der Wahlabend daher als deutlicher Durchbruch der AfD im Südwesten beschrieben.

Deutlich schlechter verlief die Wahl für die SPD.
Die Sozialdemokraten rutschen auf ein sehr schwaches Ergebnis ab und erreichen nur noch etwas mehr als fünf Prozent der Stimmen.
Damit verlieren sie im Vergleich zur letzten Wahl erheblich und erreichen einen Stimmenanteil, der für eine Partei mit ihrer Tradition im Südwesten lange Zeit kaum vorstellbar gewesen wäre. 

Zwar reicht das Ergebnis noch für den Einzug in den Landtag, doch politisch bedeutet es eine massive Schwächung der Partei. 

Während die SPD früher eine der prägenden Kräfte der Landespolitik war, spielt sie nun nur noch eine kleine Rolle.
Viele Beobachter sprechen daher von einem Debakel und sehen die Partei vor der schwierigen Aufgabe, ihr Profil im Südwesten neu zu definieren.

Noch drastischer ist die Situation für die FDP und die Linke.
Beide Parteien bleiben unter der Fünf-Prozent-Hürde und ziehen damit nicht mehr in den Landtag ein.
Für die FDP stellt dies einen besonders schweren Rückschlag dar, da sie bei der vorherigen Wahl noch im Parlament vertreten war und sich als wirtschaftsliberale Stimme positioniert hatte.
Der Verlust der parlamentarischen Vertretung bedeutet für die Partei nicht nur politischen Einflussverlust, sondern auch einen Einschnitt in ihre organisatorische Präsenz im Land.
Auch die Linke verpasst den Einzug in den Landtag erneut und bleibt damit weiterhin ohne parlamentarische Vertretung im Südwesten.

Die Sitzverteilung im neuen Landtag spiegelt diese Kräfteverhältnisse wider. 

Nach vorläufigen Berechnungen verfügen die Grünen über etwa 56 Sitze und bleiben damit stärkste Fraktion.
Die CDU folgt mit rund 56 Mandaten nahezu gleichauf.
Die AfD stellt mit etwa 35 Sitzen die drittgrößte Fraktion im Parlament.
Die SPD wird nur noch mit einer kleinen Gruppe von zehn Abgeordneten vertreten sein.
FDP und Linke erhalten keine Sitze, da sie die erforderliche Stimmenhürde nicht überschritten haben. 

Die genaue Zusammensetzung des Landtags kann sich zwar noch leicht verändern, da Überhang- und Ausgleichsmandate erst endgültig berechnet werden müssen, doch an den grundlegenden Mehrheitsverhältnissen dürfte sich nichts mehr ändern.

Auffällig ist auch die gestiegene Wahlbeteiligung.
Rund siebzig Prozent der Wahlberechtigten nahmen an der Abstimmung teil, was im Vergleich zu früheren Landtagswahlen eine deutliche Steigerung darstellt.
Mehrere Faktoren dürften dazu beigetragen haben. 

Erstmals durften in Baden-Württemberg bereits 16- und 17-Jährige an einer Landtagswahl teilnehmen, was die Zahl der Wahlberechtigten erhöhte und neue Wählergruppen mobilisierte. 

Hinzu kam ein besonders intensiver und teilweise stark polarisierter Wahlkampf, der viele Bürger dazu bewegte, ihre Stimme abzugeben. 

Auch die allgemeine politische Stimmung in Deutschland und Europa, die in den vergangenen Jahren von zahlreichen Krisen geprägt war, dürfte die Bedeutung der Wahl für viele Menschen erhöht haben.

Politisch bleibt Baden-Württemberg damit zwar weiterhin ein Land, in dem die Grünen eine zentrale Rolle spielen, doch ihre Position ist deutlich weniger komfortabel als zuvor. 

Eine Regierungsbildung ohne Beteiligung der Grünen erscheint weiterhin unwahrscheinlich, gleichzeitig ist ihr Vorsprung so gering, dass sie stärker als zuvor auf stabile Koalitionspartner angewiesen sind. 

Die CDU hat sich mit ihrem deutlich verbesserten Ergebnis wieder klar als zweite große Kraft etabliert und bleibt ein möglicher Partner für eine Regierungskoalition. 

Die AfD wird künftig als große Oppositionskraft im Landtag auftreten und die politischen Debatten stärker prägen als bisher. 

Die SPD hingegen steht vor der Herausforderung, ihre politische Bedeutung im Südwesten neu aufzubauen, nachdem sie ihren Status als große Volkspartei im Land verloren hat.

Für die Regierungsbildung ergeben sich aus diesen Zahlen nur wenige realistische Optionen. 

Die Fortsetzung der bisherigen Zusammenarbeit zwischen Grünen und CDU gilt als die wahrscheinlichste Variante, da beide Parteien gemeinsam über eine stabile Mehrheit verfügen würden.
Rechnerisch ginge auch eine Koalition aus CDU mit Juniorprtner AfD, doch die CDU schließt dies aus.
Andere Modelle, etwa Koalitionen mit kleineren Parteien, scheiden rechnerisch aus, da FDP und Linke nicht im Landtag vertreten sind und die SPD allein keine ausreichende Mehrheit ermöglichen würde.

Somit deutet vieles darauf hin, dass Baden-Württemberg auch in den kommenden Jahren von einer grün-schwarzen Regierung geführt wird, allerdings unter veränderten politischen Vorzeichen und mit deutlich stärkerem Druck aus der Opposition.

Der Internationale Frauentag – Geschichte, Bedeutung und Gegenwart

Der Internationale Frauentag, der jedes Jahr am 8. März begangen wird, ist ein weltweiter Gedenk- und Aktionstag für die Rechte von Frauen. Er steht für den langen Kampf um Gleichberechtigung, politische Teilhabe, faire Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung. Seine Wurzeln reichen in die sozialen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts zurück, doch seine Bedeutung ist bis heute lebendig geblieben. Der Frauentag ist daher nicht nur ein symbolischer Tag des Erinnerns, sondern auch ein politischer und gesellschaftlicher Impuls, der immer wieder daran erinnert, wie viele Rechte Frauen erst erkämpfen mussten und in welchen Bereichen weiterhin Ungleichheiten bestehen.

Die Entstehung des Internationalen Frauentags ist eng mit der Arbeiterbewegung und der frühen Frauenbewegung verbunden. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Frauen in vielen Ländern gesellschaftlich stark benachteiligt. Sie hatten meist kein Wahlrecht, ihre Möglichkeiten zur politischen Mitbestimmung waren stark eingeschränkt, und in vielen Berufen arbeiteten sie unter deutlich schlechteren Bedingungen als Männer. Oft erhielten sie für die gleiche Arbeit geringere Löhne und hatten kaum Zugang zu höherer Bildung oder zu verantwortungsvollen Positionen. In dieser Situation begannen Frauen, sich stärker zu organisieren und gemeinsam für ihre Rechte einzutreten.

Ein wichtiger Vorläufer des Internationalen Frauentags entstand in den Vereinigten Staaten. Dort rief die Sozialistische Partei Amerikas im Jahr 1909 einen nationalen Frauentag aus, der vor allem auf die schwierige Situation vieler Arbeiterinnen aufmerksam machen sollte. In den Industriebetrieben, besonders in der Textilindustrie, arbeiteten zahlreiche Frauen unter harten Bedingungen, oft für niedrige Löhne und ohne ausreichenden Schutz. Streiks und Proteste von Arbeiterinnen machten deutlich, dass die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen, nach gerechter Bezahlung und nach politischer Mitbestimmung immer lauter wurde.

Die Idee eines internationalen Aktionstages für Frauenrechte wurde wenig später von der deutschen Sozialistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin aufgegriffen. Auf der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz im Jahr 1910 in Kopenhagen schlug sie vor, einen jährlich stattfindenden internationalen Frauentag einzuführen. Dieser Tag sollte weltweit auf die Forderungen der Frauenbewegung aufmerksam machen und insbesondere das Wahlrecht für Frauen in den Mittelpunkt stellen. Der Vorschlag fand breite Zustimmung, und so wurde beschlossen, einen solchen Tag künftig regelmäßig zu begehen.

Der erste Internationale Frauentag fand im Jahr 1911 statt. Millionen Frauen beteiligten sich damals an Veranstaltungen und Demonstrationen in mehreren europäischen Ländern. In Deutschland, Österreich-Ungarn, Dänemark und der Schweiz gingen Frauen auf die Straße, um für politische Rechte und soziale Verbesserungen zu kämpfen. Sie forderten das Frauenwahlrecht, den Zugang zu öffentlichen Ämtern, bessere Arbeitsbedingungen sowie einen stärkeren Schutz von Arbeiterinnen. Diese frühen Demonstrationen zeigten, wie groß das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Veränderung war.

Der heute festgelegte Termin, der 8. März, hat ebenfalls einen historischen Hintergrund. Im Jahr 1917 kam es im damaligen russischen Reich zu einem Streik von Arbeiterinnen in Petrograd. Die Frauen protestierten gegen Hunger, Krieg und soziale Ungerechtigkeit. Diese Proteste entwickelten eine enorme politische Dynamik und wurden zu einem Auslöser der sogenannten Februarrevolution. Wenig später erhielten Frauen in Russland das Wahlrecht. Der Beginn der Proteste fiel nach dem damals gültigen Kalender auf den 8. März, und dieser Termin setzte sich schließlich weltweit als Datum für den Internationalen Frauentag durch.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Frauentag in unterschiedlichen politischen Systemen auf verschiedene Weise. In sozialistischen Staaten wurde er zu einem offiziellen Feiertag, der die Rolle der Frau im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben hervorheben sollte. Gleichzeitig wurde er stark politisch geprägt und oft als Ausdruck sozialistischer Gleichberechtigung interpretiert. In vielen westlichen Ländern verlor der Frauentag nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst an Bedeutung. Erst mit der neuen Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre gewann er wieder an Aufmerksamkeit. In dieser Zeit standen Fragen der Selbstbestimmung, der Gleichberechtigung im Beruf, der gesellschaftlichen Rollenbilder und der politischen Teilhabe im Mittelpunkt der Diskussionen.

Eine wichtige internationale Anerkennung erhielt der Frauentag, als die United Nations im Jahr 1975 den 8. März offiziell zum International Women’s Day erklärten. Seitdem wird der Tag weltweit genutzt, um auf Fragen der Gleichstellung aufmerksam zu machen. Viele Initiativen, Veranstaltungen und Kampagnen beschäftigen sich an diesem Tag mit Themen wie Bildung für Mädchen, Schutz vor Gewalt, wirtschaftlicher Teilhabe oder politischer Repräsentation von Frauen.

In der Gegenwart hat der Internationale Frauentag eine doppelte Bedeutung. Einerseits erinnert er an die historischen Kämpfe der Frauenbewegung und an die Rechte, die im Laufe der Zeit erstritten wurden. Andererseits ist er ein Tag, an dem aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen sichtbar gemacht werden. Trotz vieler Fortschritte bestehen in zahlreichen Ländern weiterhin Unterschiede zwischen Männern und Frauen, etwa bei Einkommen, Karrierechancen oder politischer Repräsentation. Auch Gewalt gegen Frauen ist in vielen Regionen der Welt ein ernstes gesellschaftliches Problem.

Gleichzeitig wird der Frauentag heute auf sehr unterschiedliche Weise begangen. In einigen Ländern ist er ein offizieller Feiertag, während er in anderen Staaten vor allem durch Demonstrationen, Veranstaltungen, Diskussionsrunden oder Bildungsprogramme geprägt wird. Häufig wird er auch genutzt, um Frauen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sichtbar zu machen und ihre Leistungen zu würdigen.

Der Internationale Frauentag ist damit weit mehr als ein symbolischer Gedenktag. Er verbindet die Erinnerung an historische Kämpfe mit den Fragen der Gegenwart und den Hoffnungen auf eine gerechtere Zukunft. Viele Rechte, die heute selbstverständlich erscheinen, mussten erst erstritten werden. Gleichzeitig zeigt der Blick auf aktuelle Entwicklungen, dass Gleichberechtigung kein abgeschlossener Zustand ist, sondern ein fortlaufender gesellschaftlicher Prozess.

So bleibt der 8. März ein Tag, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Er erinnert daran, dass gesellschaftlicher Fortschritt häufig durch Engagement, Mut und Beharrlichkeit erreicht wird. Der Internationale Frauentag steht daher nicht nur für die Geschichte der Frauenbewegung, sondern auch für den fortdauernden Einsatz für Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe.

Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026 – Die wichtigsten Parteien und ihre politischen Positionen

Am heutigen 8. März 2026 sind die Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg aufgerufen, einen neuen Landtag zu wählen. Wahlen auf Landesebene bestimmen nicht nur, wer die Regierung im Südwesten bildet, sondern sie entscheiden auch über zentrale politische Richtungen in Bereichen wie Bildung, Wirtschaft, Energiepolitik oder Infrastruktur. Baden-Württemberg gilt seit Jahrzehnten als politisch besonders interessant: Das wirtschaftsstarke Bundesland mit seiner starken Industrie, vielen mittelständischen Unternehmen und bedeutenden Universitätsstandorten ist oft ein Spiegelbild gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen in Deutschland.

Die Landtagswahl findet in einer Phase statt, in der mehrere große Themen die politische Debatte bestimmen. Dazu gehören der Umgang mit dem Klimawandel, Fragen der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, Migration, soziale Gerechtigkeit, Digitalisierung und die Rolle Europas. Zehn Parteien prägen den Wahlkampf besonders deutlich. Sie vertreten unterschiedliche politische Ideen, gesellschaftliche Visionen und Lösungsansätze.

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Grünen stehen traditionell für eine Politik, die ökologische Nachhaltigkeit mit gesellschaftlicher Modernisierung verbindet. Im Zentrum ihres Programms steht der Klimaschutz, der Ausbau erneuerbarer Energien und eine wirtschaftliche Transformation hin zu klimafreundlichen Technologien. Dabei betonen sie, dass wirtschaftlicher Wohlstand auch in Zeiten des Klimawandels gesichert werden könne, wenn Innovation und Nachhaltigkeit zusammen gedacht werden.

Politisch gelten die Grünen als linksliberal und sozial-ökologisch orientiert. Sie verbinden Umweltpolitik mit Themen wie sozialer Gerechtigkeit, Gleichstellung, Bürgerrechten und moderner Bildungspolitik. In Baden-Württemberg sind die Grünen besonders einflussreich: Seit vielen Jahren stellen sie den Ministerpräsidenten und haben sich im traditionell konservativ geprägten Bundesland als starke politische Kraft etabliert.

Christlich Demokratische Union (CDU)

Die CDU vertritt eine konservativ geprägte Politik mit starkem Fokus auf wirtschaftliche Stabilität, innere Sicherheit und solide Staatsfinanzen. In Baden-Württemberg war sie über Jahrzehnte die dominierende politische Kraft und prägt bis heute maßgeblich die politische Landschaft.

Im Zentrum ihrer Politik stehen die Unterstützung von Unternehmen, insbesondere des Mittelstands, sowie eine wirtschaftsfreundliche Regulierung. Gleichzeitig betont die CDU Themen wie Sicherheit, Ordnung und eine verlässliche Finanzpolitik. In der aktuellen politischen Situation befindet sich die Partei in Baden-Württemberg häufig in einem engen Wettbewerb mit den Grünen um die stärkste Kraft im Landtag.

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)

Die SPD vertritt eine sozialdemokratische Politik mit dem Ziel, gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern und den Sozialstaat zu stärken. Zu ihren zentralen Themen gehören bezahlbares Wohnen, gute Arbeitsbedingungen, starke Arbeitnehmerrechte und eine Bildungspolitik, die allen Menschen gleiche Chancen ermöglicht.

Politisch positioniert sich die SPD im Mitte-links-Spektrum. Sie betont, dass wirtschaftlicher Fortschritt und soziale Sicherheit zusammengehören. Besonders wichtig ist ihr der Gedanke des sozialen Ausgleichs: Wirtschaftliches Wachstum soll nicht nur wenigen zugutekommen, sondern möglichst vielen Menschen.

Freie Demokratische Partei (FDP)

Die FDP steht für wirtschaftsliberale Politik und setzt stark auf individuelle Freiheit, Innovation und unternehmerische Initiative. In Baden-Württemberg, einem Bundesland mit vielen Technologieunternehmen und Start-ups, spielt dieser Ansatz eine wichtige Rolle im politischen Wettbewerb.

Zentrale Themen der FDP sind Digitalisierung, Bürokratieabbau und marktwirtschaftliche Lösungen. Die Partei argumentiert, dass wirtschaftliche Dynamik und technologische Innovation die Grundlage für Wohlstand und Fortschritt bilden. Gleichzeitig betont sie Bürgerrechte und individuelle Selbstbestimmung.

Alternative für Deutschland (AfD)

Die AfD vertritt nationalkonservative Positionen und ist besonders migrationskritisch. Sie fordert eine restriktivere Einwanderungspolitik, eine stärkere Betonung nationalstaatlicher Kompetenzen und äußert häufig Skepsis gegenüber europäischen Integrationsprojekten.

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Politik liegt auf Themen wie innerer Sicherheit und Kritik an bestehenden politischen Institutionen. Die Partei polarisiert stark und wird von politischen Gegnern ebenso deutlich kritisiert wie von ihren Anhängern unterstützt.

DIE LINKE

Die Partei DIE LINKE verfolgt eine sozialistische beziehungsweise linkssozialistische Politik. Sie setzt sich für eine stärkere Umverteilung von Einkommen und Vermögen ein und fordert einen Ausbau öffentlicher Dienstleistungen.

Zu ihren zentralen Anliegen gehören Mieterschutz, soziale Sicherungssysteme, höhere Löhne und eine stärkere Rolle des Staates in Bereichen der Daseinsvorsorge. Privatisierungen kritisiert sie häufig und plädiert stattdessen für öffentliche Kontrolle über wichtige Infrastruktur und Dienstleistungen.

FREIE WÄHLER

Die Freien Wähler verstehen sich als bürgernahe, pragmatische politische Kraft mit starken Wurzeln in der Kommunalpolitik. Viele ihrer Mitglieder sind bereits auf kommunaler Ebene aktiv, etwa als Bürgermeister oder Gemeinderäte.

Ihr politischer Fokus liegt auf regionaler Wirtschaft, Infrastruktur, Bildung und kommunaler Selbstverwaltung. Ideologisch ordnen sie sich weniger klar einem klassischen politischen Lager zu, sondern betonen praktische Lösungen für konkrete Probleme vor Ort.

Die PARTEI

Die PARTEI ist eine satirische politische Organisation, die aus dem Umfeld des Satiremagazins „Titanic“ entstanden ist. Sie nutzt Humor und Ironie, um politische Prozesse zu kommentieren und Kritik am politischen System zu üben.

Trotz ihres humorvollen Auftretens greift sie reale politische Themen auf und versucht, durch überspitzte Forderungen gesellschaftliche Debatten sichtbar zu machen. Damit bewegt sie sich bewusst an der Grenze zwischen politischer Satire und realer politischer Beteiligung.

Basisdemokratische Partei Deutschland (dieBasis)

Die Partei dieBasis entstand aus Protestbewegungen, dominiert von den sogenannten „Querdenkern”, und legt großen Wert auf direkte Demokratie. Sie fordert stärkere Mitbestimmungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger und steht staatlichen Eingriffen sehr skeptisch gegenüber.

Ein zentraler Gedanke ihrer politischen Programmatik ist die Basisdemokratie, also die direkte Beteiligung der Bevölkerung an politischen Entscheidungen. Dadurch möchte die Partei nach eigenen Angaben politische Macht stärker auf die Bürger verteilen.

Volt Deutschland

Volt Deutschland ist Teil einer europaweiten politischen Bewegung. Die Partei versteht sich als paneuropäisch und progressiv und möchte politische Lösungen stärker auf europäischer Ebene entwickeln.

Zu ihren Schwerpunkten gehören Digitalisierung, nachhaltige Stadtentwicklung, moderne Infrastruktur und eine vertiefte europäische Zusammenarbeit. Volt betont, dass viele politische Herausforderungen – etwa Klimaschutz oder Wirtschaftspolitik – nur im europäischen Kontext sinnvoll gelöst werden können.

Politische Vielfalt im Südwesten

Die Landtagswahl zeigt die große Bandbreite politischer Positionen, die im demokratischen Wettbewerb stehen. Von ökologischen Reformansätzen über konservative Wirtschaftspolitik bis hin zu sozialpolitischen oder satirischen Konzepten reicht das Spektrum der Parteien, die um Stimmen werben.

Für die Wählerinnen und Wähler bedeutet dies eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote und politischer Visionen für die Zukunft Baden-Württembergs. Welche Parteien am Ende im Landtag vertreten sein werden und welche Koalitionen möglich sind, entscheidet sich mit den Stimmen der Bürgerinnen und Bürger am Wahltag.

Damit bleibt die Landtagswahl nicht nur ein politisches Ereignis für Baden-Württemberg, sondern auch ein wichtiger Gradmesser für gesellschaftliche Stimmungen und politische Entwicklungen in Deutschland insgesamt.

Die elektronische Patientenakte

Ein digitales Versprechen auf dem Prüfstand

Von Dietmar Schneidewind

Vor einem Jahr wurde die elektronische Patientenakte (ePA) für Ärzte in Deutschland verpflichtend eingeführt, doch statt einer digitalen Revolution im Gesundheitswesen offenbart sich ein Bild der Ernüchterung.

Bürokratie, technische Mängel und ein fehlender Mehrwert für Patienten bremsen die Akzeptanz aus. 

Nur 18 Prozent der gesetzlich Versicherten verwalten ihre ePA aktiv, 71 Prozent nutzen sie gar nicht. 

Neun Prozent haben sie sogar widersprochen oder gelöscht. 

Die Zahlen einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentralen sprechen eine klare Sprache: 

Die ePA ist ein Projekt, das an der Realität vorbeigeplant wurde.

Ein System, das sich selbst im Weg steht

Die Kritik an der Umsetzung ist vernichtend. 

Der Hausärzteverband und die Verbraucherzentrale stimmen darin überein: 

Der Registrierungsprozess ist „absurd kompliziert“, technische Störungen an der Tagesordnung, und selbst grundlegende Funktionen wie eine Volltextsuche fehlen. 

„Die ePA ist ein Paradebeispiel dafür, wie man eine gute Idee durch schlechte Umsetzung kaputtmacht“, sagt Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband.
Statt Patienten zu entlasten, werde ihnen eine weitere Hürde im Gesundheitsdschungel aufgebürdet.

Doch die Probleme gehen tiefer. 

Die ePA, die eigentlich Transparenz und Effizienz schaffen sollte, wird von vielen Patienten schlicht ignoriert – weil sie im Alltag keinen spürbaren Nutzen bringt. 

„Solange alltagstaugliche Dokumente wie der Impfpass, der Mutterpass oder das Zahnarzt-Bonusheft nicht integriert sind, bleibt die ePA ein stumpfes Schwert“, kritisiert Müller. 

Die Verbraucherzentrale fordert seit Monaten Nachbesserungen, doch die Politik reagiert zögerlich.

Der Arzt zwischen Hoffnung und Frust

Die Praxis zeigt: Selbst überzeugte Befürworter der ePA stoßen an Grenzen. 

Dr. Bahman Afzali, Hausarzt in Berlin-Neukölln, sieht das Potenzial der digitalen Akte – etwa wenn es darum geht, Medikamentenpläne schnell abzugleichen.
Doch die Technik macht ihm das Leben schwer. „Immer wieder gibt es Probleme bei der Anmeldung oder beim Hochladen von Dokumenten“, berichtet Afzali. „Das kostet Zeit, die ich für meine Patienten brauche.“

Sein Patient Kevin Büttner, 42, hat seine ePA zwar aktiviert, nutzt sie aber kaum.
„Ich habe sie einmal angesehen, aber im Alltag vergisst man sie einfach“, sagt Büttner. „Wenn ich zum Arzt gehe, nehme ich lieber meine Unterlagen in Papierform mit – das ist zuverlässiger.“ 

Ein trauriges Fazit für ein System, das eigentlich die Patienten in den Mittelpunkt stellen sollte.

Warum die ePA (noch) nicht ankommt

Die elektronische Patientenakte scheitert nicht an einem einzelnen Problem, sondern an einer Reihe grundlegender Schwächen, die ihr Potenzial von Anfang an untergraben. 

Anstatt Patienten und Ärzte mit einer intuitiven, alltagstauglichen Lösung zu unterstützen, wurden sie mit einem überfrachteten System konfrontiert, das durch unnötige Komplexität glänzt. 

Die Benutzerfreundlichkeit, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, bleibt auf der Strecke – und mit ihr die Bereitschaft, die ePA aktiv zu nutzen.

Hinzu kommt, dass die Akte wie ein unvollständiges Puzzle wirkt. 

Wichtige Dokumente des Gesundheitsalltags – vom Impfpass über den Mutterpass bis hin zum Zahnarzt-Bonusheft – fehlen. 

Ohne diese Integration bleibt die ePA für viele Patienten ein abstraktes, kaum relevantes Werkzeug, das im besten Fall ignoriert, im schlimmsten Fall als lästige Pflicht empfunden wird.

Technisch gesehen hinkt das System hinterher. Ständige Störungen, langsame Ladezeiten und das Fehlen grundlegender Funktionen wie einer Volltextsuche sorgen für Frust statt für Vertrauen. 

Wer sich nicht darauf verlassen kann, dass die ePA im entscheidenden Moment funktioniert, wird sie kaum nutzen – und schon gar nicht empfehlen.

Doch selbst wenn die Technik einwandfrei funktionieren würde, bliebe ein zentrales Problem: Viele Versicherte wissen schlicht nicht, was die ePA leisten kann oder warum sie sie überhaupt nutzen sollten. 

Hier versagt die Kommunikation auf ganzer Linie. 

Statt einer klaren Aufklärung über die Vorteile und Möglichkeiten der digitalen Akte herrscht oft Ratlosigkeit – und die führt direkt zur Ablehnung. 

Solange die ePA nicht als echter Mehrwert erlebbar wird, bleibt sie ein teures Experiment, das an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeht.

Was jetzt passieren muss

Die elektronische Patientenakte steht an einem Scheideweg: 

Entweder sie durchläuft eine grundlegende Reform, die sie endlich zu dem macht, was sie sein sollte – ein nützliches, alltagstaugliches Werkzeug für Patienten und Ärzte.
Oder sie bleibt ein teures Prestigeprojekt, das in der Versenkung verschwindet, ohne jemals sein volles Potenzial entfaltet zu haben.

Dafür muss der Registrierungsprozess radikal vereinfacht werden. 

Bürokratische Hürden, die Patienten und Ärzte abschrecken, gehören abgeschafft.
Stattdessen braucht es eine nutzerfreundliche Lösung, die ohne komplizierte Schritte auskommt und Menschen jeden Alters sowie jeder technischen Vorbildung den Zugang ermöglicht. 

Eine ePA, die nur von IT-Experten bedient werden kann, hat im Gesundheitswesen keinen Platz.

Ein weiteres zentrales Problem ist die unvollständige Integration wichtiger Dokumente. 

Solange der Impfpass, der Mutterpass oder das Zahnarzt-Bonusheft nicht in der ePA abgebildet werden, bleibt sie ein halbgares Angebot.
Diese Dokumente sind fester Bestandteil des medizinischen Alltags – ihre Abwesenheit macht die Akte für viele Patienten schlicht irrelevant. 

Hier muss schnellstmöglich nachgebessert werden, um die ePA zu einem echten Begleiter im Gesundheitsmanagement zu machen.

Selbst die beste Infrastruktur nützt nichts, wenn die Technik nicht zuverlässig funktioniert. 

Ständige Störungen, langsame Reaktionszeiten und fehlende Basisfunktionen wie eine Volltextsuche untergraben das Vertrauen in das System.
Technische Stabilität ist keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung – und sie muss endlich hergestellt werden.

Schließlich braucht es eine umfassende Aufklärungskampagne, die Patienten und Ärzte gleichermaßen erreicht. 

Viele wissen schlicht nicht, welchen Nutzen die ePA bietet oder wie sie sie sinnvoll einsetzen können. 

Hier muss die Politik aktiv werden: mit klaren Informationen, praktischen Anleitungen und einer Kommunikation, die keine Fragen offenlässt. 

Nur wenn die Menschen verstehen, was die ePA leisten kann, werden sie sie auch nutzen. 

Die Zeit für halbherzige Lösungen ist vorbei – jetzt muss gehandelt werden.

Eine Chance, die nicht vertan werden darf

Die elektronische Patientenakte könnte ein Meilenstein für das deutsche Gesundheitswesen sein – wenn sie endlich den Bedürfnissen der Nutzer entspricht. 

Doch solange die Politik die Probleme ignoriert und die Umsetzung weiter stiefmütterlich behandelt, bleibt die ePA ein Symbol für verpasste Chancen. 

Die Zeit drängt: Patienten und Ärzte verdienen ein System, das ihnen hilft – nicht eines, das sie im Stich lässt.

Die unsichtbare Infrastruktur unserer Städte

Beispiel Rhein-Neckar

Die unsichtbare Infrastruktur einer Region wie Rhein‑Neckar ist ein Geflecht aus Systemen, das im Hintergrund arbeitet und doch jeden Tag bestimmt, wie reibungslos unser Leben verläuft. 

Man bemerkt sie erst, wenn etwas nicht funktioniert: wenn die Straßenbahn ausfällt, das Wasser kurzzeitig trüb aus dem Hahn kommt oder der Glasfaseranschluss stockt. 

Dabei steckt hinter all dem eine stille, hochkomplexe Choreografie aus Planung, Technik und menschlicher Koordination, die in einer dicht vernetzten Region wie Mannheim, Heidelberg und dem Umland besonders eindrucksvoll sichtbar wird – oder besser gesagt: unsichtbar bleibt.

Wer morgens in der Rhein‑Neckar‑Bahn sitzt oder in Heidelberg in die Straßenbahn steigt, sieht nur den Wagen, die Schienen und vielleicht die Anzeige, die den nächsten Halt ankündigt. 

Doch die eigentliche Leistung spielt sich in Leitstellen ab, in denen Verkehrsplaner und Disponenten versuchen, ein System zu steuern, das gleichzeitig robust und flexibel sein muss. 

Jede Taktung ist das Ergebnis von Datenanalysen, Simulationen und Erfahrungswerten. 

Die Region ist ein Knotenpunkt für Pendlerströme, Studierende, Touristen und Industrie – und jeder dieser Gruppen folgt anderen Rhythmen. 

Wenn morgens die Züge aus dem Odenwald in Mannheim einlaufen, müssen sie sich nahtlos mit den Straßenbahnen verzahnen, die wiederum die Studierenden rechtzeitig zu den Vorlesungen in Heidelberg bringen. 

Ein verspäteter Zug kann eine Kettenreaktion auslösen, die sich durch das gesamte Netz frisst. Dass das nicht täglich passiert, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Infrastruktur, die ständig überwacht, angepasst und im Hintergrund repariert wird.

Ähnlich unsichtbar ist die Wasserversorgung. 

Die meisten Menschen wissen nicht, aus welchem Wasserwerk ihr Trinkwasser stammt, geschweige denn, welche technischen Prozesse nötig sind, um es in gleichbleibender Qualität bereitzustellen. 

In der Rhein‑Neckar‑Region stammt ein Großteil des Wassers aus Grundwasserbrunnen entlang des Neckars und des Rheins. 

Bevor es jedoch in den Haushalten ankommt, durchläuft es Filteranlagen, wird aufbereitet, kontrolliert und über ein verzweigtes Leitungssystem verteilt, das in seiner Gesamtlänge hunderte Kilometer umfasst. 

Jede dieser Leitungen muss regelmäßig überprüft werden, denn ein kleiner Riss kann große Folgen haben. 

Die Wasserwerke arbeiten mit Sensoren, die Druckabfälle registrieren, mit automatisierten Meldesystemen und mit Teams, die im Ernstfall innerhalb von Minuten ausrücken. 

Dass man den Wasserhahn aufdreht und ohne Nachdenken ein Glas füllt, ist das Ergebnis einer jahrzehntelang gewachsenen Infrastruktur, die sich permanent selbst überwacht.

Auch die Müllentsorgung ist ein logistisches Kunstwerk, das man erst versteht, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft. 

In Städten wie Mannheim oder Heidelberg müssen täglich tausende Tonnen Abfall eingesammelt, sortiert und weiterverarbeitet werden. 

Die Routen der Müllfahrzeuge sind so geplant, dass sie Verkehrsströme berücksichtigen, enge Altstadtgassen meiden und gleichzeitig möglichst effizient fahren. 

Hinter jeder Tonne Restmüll steckt ein Weg, der über Sortieranlagen, Verbrennungsanlagen oder Recyclinghöfe führt. 

Moderne Systeme erfassen, wie viel Müll in welchen Stadtteilen anfällt, und passen die Abholintervalle entsprechend an. 

Die Region arbeitet zudem daran, die Recyclingquoten zu erhöhen, was wiederum neue Sortiertechnologien und veränderte Abläufe erfordert. 

Dass die Tonnen pünktlich geleert werden, ist das sichtbare Ende einer langen Kette aus Entscheidungen, die man im Alltag kaum wahrnimmt.

Und dann ist da noch der Glasfaserausbau – ein Thema, das oft erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn die Bauarbeiten vor der eigenen Haustür beginnen. 

Doch der eigentliche Aufwand liegt nicht im Aufreißen der Straße, sondern in der Planung davor. 

In einer Region mit historisch gewachsenen Stadtstrukturen, engen Altstadtbereichen und industriellen Zonen ist es eine Herausforderung, Leitungen so zu verlegen, dass sie möglichst wenig stören und gleichzeitig zukunftssicher sind. 

Jede Trasse muss mit anderen Versorgern abgestimmt werden: 

Wo liegen Gasleitungen, wo Stromkabel, wo Abwasserkanäle. 

Die Koordination zwischen Kommunen, Netzbetreibern und Tiefbauunternehmen ist ein Puzzle, das oft Monate dauert, bevor überhaupt ein Bagger anrückt. 

Doch ohne diese Arbeit gäbe es keine schnellen Anschlüsse für Unternehmen, keine stabilen Verbindungen für Homeoffice und keine digitale Infrastruktur, die den Anforderungen der nächsten Jahrzehnte standhält.

All diese Systeme – Verkehr, Wasser, Abfall, Daten – sind miteinander verwoben. 

Sie bilden das Rückgrat einer Region, die wirtschaftlich stark, kulturell vielfältig und geografisch komplex ist. 

Die Rhein‑Neckar‑Region lebt davon, dass diese Infrastruktur funktioniert, ohne dass man sie ständig bemerkt. 

Sie ist ein stiller Vertrag zwischen Technik und Gesellschaft: 

Wir verlassen uns darauf, dass alles läuft, und im Gegenzug investieren Kommunen, Stadtwerke und Unternehmen kontinuierlich in Wartung, Modernisierung und Ausbau. 

Die unsichtbare Infrastruktur ist damit nicht nur ein technisches System, sondern ein Ausdruck davon, wie eine Gemeinschaft organisiert ist und welche Prioritäten sie setzt. 

Wer genauer hinschaut, erkennt, dass hinter jedem funktionierenden Alltag eine enorme Leistung steckt – und dass die Zukunft unserer Städte davon abhängt, wie gut wir diese unsichtbaren Strukturen pflegen und weiterentwickeln.

Symbolbild

Symbolpolitik auf dem Rücken der Beamten

Wie Alexander Dobrindt die Bundespolizei verheizt und die Grenzen dauerhaft dichtmacht

Es ist ein trauriges Schauspiel, das sich diese Woche in Berlin abspielt.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat die vorübergehenden Grenzkontrollen an allen deutschen Landgrenzen um weitere sechs Monate verlängert. 

Was im September 2024 als „notwendige Maßnahme“ zur Bekämpfung irregulärer Migration begann, ist längst zur Dauerlösung geworden. 

Die Kontrollen, die eigentlich im März 2026 auslaufen sollten, bleiben nun mindestens bis September 2026 bestehen. 

Doch hinter den harten Worten und der vermeintlichen Entschlossenheit verbirgt sich ein erschreckendes Versagen – nicht nur in der Migrationspolitik, sondern auch in der Verantwortung gegenüber den eigenen Sicherheitskräften.

Herr Dobrindt rechtfertigt die Verlängerung mit „migrations- und sicherheitspolitischen Gründen“. 

Doch was bedeutet das konkret? 

Dass die Bundesregierung keine bessere Lösung hat?
Dass man lieber an den Symptomen herumdoktert, statt die Ursachen zu bekämpfen?
Oder dass man sich einfach nicht traut, die unangenehme Wahrheit einzugestehen:
Dass Grenzkontrollen allein das Problem nicht lösen, sondern es nur verschieben – und das auf dem Rücken derer, die diese Politik umsetzen müssen?

Die Realität an den Grenzen sieht anders aus als in den Pressemitteilungen des Innenministeriums. 

Die Bundespolizei ist seit Monaten am Limit.
Überstunden stapeln sich, Beamte sind erschöpft, die Fluktuation steigt.
Schon jetzt können Überstunden nicht mehr abgebaut werden, die psychische Belastung der Einsatzkräfte ist enorm. 

Doch statt die Personaldecke zu verstärken, setzt Dobrindt auf „mehr Kontrollen“. 

Als ob das Problem die fehlende Kontrolle wäre – und nicht die fehlenden Beamten, die fehlende Infrastruktur, die fehlende europäische Zusammenarbeit.

Ein hochrangiger Bundespolizist, der anonym bleiben will, bringt es auf den Punkt: „Dobrindt reitet ein sterbendes Pferd lieber mit Peitschenhieben weiter, anstatt es zu schonen und Medizin zu geben.“ 

Die Bundespolizisten fühlen sich verraten und allein gelassen. 

Sie sind es, die die Last dieser Politik tragen, während der Minister sich in Sonntagsreden als Retter des Abendlandes inszeniert. 

Die Verlängerung der Grenzkontrollen ist kein Zeichen der Stärke, sondern ein Eingeständnis des Versagens. 

Sie zeigt, dass die Bundesregierung keine nachhaltige Lösung für die Herausforderungen der Migration hat – und stattdessen auf Symbolpolitik setzt, die am Ende nur die eigenen Beamten ruiniert.

Nicht nur die Bundespolizei zahlt den Preis.
Auch das Vertrauen der europäischen Partner in Deutschlands Fähigkeit, vernünftige Lösungen zu finden, leidet. 

Die EU-Kommission wurde über die Verlängerung informiert, doch die Geduld in Brüssel ist begrenzt.
Deutschland, das sich gerne als Vorreiter in Europa präsentiert, wirkt hier wie ein Bremsklotz – unfähig, eine gemeinsame, tragfähige Migrationspolitik mitzugestalten, und stattdessen auf nationale Alleingänge setzt, die am Ende niemandem nützen.

Die Verlängerung der Grenzkontrollen ist auch ein Armutszeugnis für die deutsche Politik. 

Statt mutige Entscheidungen zu treffen, wird weiter auf Repression gesetzt.
Statt in die Zukunft zu investieren, wird das Personal verheizt.
Statt europäische Solidarität zu stärken, wird auf nationale Abschottung gesetzt. 

Herrn Dobrindts Politik ist nicht nur kurzsichtig, sie ist gefährlich – für die Beamten, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für Deutschlands Rolle in Europa.

Am Ende bleibt die Frage: W

em nützt diese Politik wirklich?
Den Bürgern, die sich nach Sicherheit sehnen?
Den Beamten, die an ihre Grenzen gebracht werden? 

Oder nur dem Minister, der sich als harter Mann der Migrationspolitik inszenieren will – während die Probleme weiterwachsen? 

Die Antwort liegt auf der Hand. 

Und sie ist beschämend.

Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz in einer wirtschaftlich angespannten Zeit deutlich erklärt, Deutschland gehe es schlecht, weil die Menschen nicht mehr richtig arbeiteten, weil sie zu bequem geworden seien und wieder mehr leisten müssten, dann ist das zunächst ein Satz, der sich gut eignet für Schlagzeilen. 

Er ist kurz, zugespitzt, emotional. 

Und er wirkt, weil er an ein altes kulturelles Reflexmuster andockt: 

Wer Probleme hat, muss sich eben mehr anstrengen. 

Nur ist das, was politisch gut klingt, nicht automatisch analytisch richtig. 

Im Gegenteil. Solche Aussagen sind oft weniger Diagnose als Deutung, weniger Beschreibung als Rahmensetzung. 

Und genau deshalb sind sie neben der Realität.

Denn in diesem Satz steckt eine Verschiebung, die man in Deutschland seit Jahrzehnten beobachten kann. 

Immer dann, wenn es strukturell knirscht, wenn große Systeme nicht mehr zuverlässig funktionieren, wenn Reformen ausbleiben, wenn Investitionen verschleppt wurden oder wenn globale Krisen in nationale Realitäten durchschlagen, wird das Problem gerne nach unten delegiert. 

Nicht als offener Befehl, sondern als moralische Erzählung. 

Wir Bürgerinnen und Bürger werden dann nicht als Teil eines komplexen Wirtschaftssystems betrachtet, sondern als Charakterfrage. 

Die Nation ist nicht in einer schwierigen Lage, weil bestimmte politische Entscheidungen falsch oder zu spät getroffen wurden, sondern weil die Menschen angeblich nachgelassen haben. 

Das ist bequem. 

Denn wer den moralischen Zeigefinger hebt, muss weniger erklären, was er selbst in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten, Legislaturen versäumt hat.

Die Behauptung, Deutschland arbeite zu wenig, ist zudem schon deshalb schief, weil sie eine Wirklichkeit ignoriert, die Millionen Menschen täglich erleben. 

Viele arbeiten nicht weniger, sondern anders. 

Sie arbeiten in Schichtsystemen, in fragmentierten Dienstplänen, in Teilzeit, weil Betreuung fehlt oder Pflege in der Familie übernommen wird.
Sie arbeiten in Branchen, die seit Jahren unter Druck stehen, in denen Personal fehlt, in denen Arbeitsverdichtung längst Normalzustand ist.
Sie arbeiten in Berufen, die körperlich und psychisch auslaugen, ohne dass sich das auf dem Konto oder in der gesellschaftlichen Anerkennung widerspiegelt.
Und sie arbeiten in einem Land, in dem sich die Debatte über Arbeit erstaunlich oft um die Frage dreht, wie man Menschen zu mehr Arbeit bewegt, aber erstaunlich selten um die Frage, warum sich Arbeit für viele immer weniger lohnt.

Das ist ein zentraler Punkt. 

Wer „mehr arbeiten“ fordert, tut oft so, als sei das eine simple Stellschraube.
Als müsse man nur den Hebel umlegen, dann werde das Bruttoinlandsprodukt steigen und das Land wieder auf Kurs kommen. 

Aber Arbeit ist kein reines Mengenproblem. 

Es ist ein Qualitätsproblem, ein Organisationsproblem, ein Verteilungsproblem. 

Wer mehr Arbeitsstunden will, muss zuerst erklären, in welchen Bereichen diese Stunden überhaupt entstehen sollen. 

Soll eine Pflegekraft, die bereits am Limit arbeitet, noch mehr Schichten übernehmen?
Soll die Erzieherin, die täglich mit Personalmangel kämpft, noch länger in der Einrichtung bleiben?
Soll der Hotelmitarbeiter, der an Wochenenden und Feiertagen arbeitet, noch zusätzliche Dienste machen, obwohl der Körper längst signalisiert, dass er nicht mehr kann?
Soll die Alleinerziehende, die sich zwischen Job und Kind zerreibt, noch mehr Stunden leisten, obwohl Betreuungslücken das verhindern? 

Wer „mehr arbeiten“ sagt, muss auch sagen, wer das praktisch leisten soll. 

Und vor allem: zu welchem Preis.

Noch absurder wird die Erzählung, wenn man sie mit der tatsächlichen Produktivitätsentwicklung vergleicht. 

Deutschland ist nicht reich geworden, weil die Menschen immer länger gearbeitet haben. 

Deutschland ist reich geworden, weil Arbeit über Jahrzehnte produktiver wurde, weil Maschinen, Technologien, Prozesse und Ausbildung dazu geführt haben, dass in einer Stunde mehr Wert geschaffen werden konnte. 

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Menschen mehr Stunden arbeiten, sondern warum Produktivität und Innovationskraft derzeit nicht so wachsen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. 

Und diese Frage führt nicht in die Wohnzimmer der „faulen“ Bevölkerung, sondern in die Bereiche, in denen Entscheidungen getroffen werden: in Unternehmen, in Ministerien, in Verwaltungen, in Bildungssysteme, in Infrastrukturplanung, in Steuer- und Förderpolitik.

Wer die Ursachen ernsthaft sucht, landet bei einem Bündel von Problemen, das seit Jahren bekannt ist und trotzdem immer wieder verdrängt wurde. 

Deutschland hat eine marode Infrastruktur, bei der man sich manchmal fragt, ob sie eher ein Museum für Nachkriegsplanung ist als ein Fundament für eine moderne Volkswirtschaft. 

Es gibt einen Investitionsstau, der nicht nur Brücken betrifft, sondern auch Schulen, Schienennetze, digitale Netze und Verwaltungsmodernisierung.
Es gibt eine Bürokratie, die nicht als Ordnungssystem wirkt, sondern oft als Zeitfresser, als Innovationsbremse, als Dauerfrust.
Es gibt einen Energiemarkt, der durch Krisen und Fehlentscheidungen stark unter Druck geraten ist.
Es gibt einen Wohnungsmarkt, der in vielen Regionen längst zur sozialen Frage geworden ist, weil Menschen zwar arbeiten könnten, aber sich die Nähe zum Arbeitsplatz nicht leisten können.
Es gibt eine demografische Entwicklung, die seit Jahrzehnten absehbar war und trotzdem nicht ausreichend vorbereitet wurde.
Und es gibt ein Bildungssystem, das zwar viel über Chancengleichheit spricht, aber in der Praxis zu oft Chancen sortiert statt schafft.

All das sind strukturelle Probleme. 

Sie sind nicht mit Moral zu lösen, sondern mit Politik, Management und Investitionen. 

Sie sind unbequem, weil sie Geld kosten, weil sie Zeit brauchen, weil sie Konflikte erzeugen.
Sie sind auch deshalb unbequem, weil sie eine Frage nach Verantwortung stellen. 

Und genau hier liegt der politische Reiz der „Faulheits“-Erzählung.

Sie verschiebt den Fokus.
Sie macht aus einem komplexen Gemenge an Versäumnissen und Umbrüchen eine einfache Geschichte:

„Wir müssen uns nur wieder mehr anstrengen, dann wird alles gut.” 

Das klingt wie eine Motivationsrede. Aber es ist keine Wirtschaftspolitik.

Ein weiterer blinder Fleck solcher Aussagen ist die Realität der modernen Arbeitswelt. 

Viele Menschen sind nicht deshalb erschöpft, weil sie zu wenig arbeiten, sondern weil Arbeit sich verändert hat. 

Sie ist nicht mehr klar begrenzt.
Sie ist nicht mehr sauber getrennt von Freizeit.
Sie ist nicht mehr nur körperliche oder geistige Leistung, sondern zunehmend emotionale, kommunikative, soziale Dauerarbeit. 

Viele Jobs bestehen nicht aus produktiven Tätigkeiten, sondern aus Koordination, Abstimmung, Dokumentation, Meetings, Systempflege, Kundenbeschwichtigung. 

Wer in Dienstleistungsberufen arbeitet, weiß, dass ein erheblicher Teil der Energie nicht in die eigentliche Aufgabe fließt, sondern in das Management von Erwartungen, Konflikten, Ausfällen, Fehlern anderer, Systembrüchen. 

Das ist echte Arbeit. 

Sie ist nur schlecht sichtbar und noch schlechter gewürdigt.

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, wie selektiv die politische Debatte über Leistung geworden ist. 

Wenn Menschen mehr arbeiten sollen, wird selten darüber gesprochen, dass die gleiche Gesellschaft, die „Leistung“ fordert, gleichzeitig enorme Bereiche geschaffen hat, in denen Leistung kaum noch belohnt wird. 

Reallöhne sind in vielen Segmenten über Jahre hinterhergehinkt.
Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen ist größer geworden.
Wohnkosten, Energie, Lebensmittel und Versicherungen fressen einen immer größeren Teil des Einkommens. 

Wer heute in vielen Berufen „mehr arbeitet“, erlebt nicht automatisch „mehr Leben“, sondern oft nur „mehr Belastung“. 

Und genau deshalb ist die Forderung nach mehr Arbeit für viele Menschen nicht motivierend, sondern zynisch. 

Sie klingt wie eine Ansage aus einem anderen Land, aus einer anderen Realität, aus einem Büro, in dem man Arbeit in Diagrammen misst, nicht in Rücken, Nerven und Zeit.

Dazu kommt ein psychologischer Aspekt, der in der Politik gern unterschätzt wird. 

Menschen arbeiten nicht nur für Geld. Sie arbeiten auch für Sinn, für Anerkennung, für Zugehörigkeit, für Selbstachtung. 

Wer ständig hört, er sei zu bequem, zu faul, zu anspruchsvoll, der wird nicht automatisch fleißiger.
Er wird eher innerlich kündigen.
Er wird sich abwenden.
Er wird das Gefühl entwickeln, dass die Gesellschaft ihn nicht als Partner betrachtet, sondern als Problem. 

Und genau das ist gefährlich, weil es Vertrauen zerstört. 

Eine Demokratie funktioniert nicht nur über Gesetze, sondern über das Grundgefühl, dass Politik die Lebensrealität der Menschen ernst nimmt. 

Wer pauschalisiert, wer moralisiert, wer Schuld verteilt, erzeugt Distanz. 

Und Distanz ist der Anfang von politischer Müdigkeit, die dann später in Wut, Zynismus oder Radikalisierung umschlagen kann.

Man muss auch fragen, wem solche Aussagen nützen. 

Denn sie sind nicht neutral. 

Sie wirken wie ein Signal an bestimmte Gruppen, die sich ohnehin gern als „Leistungsträger“ verstehen und die gern glauben, sie würden das Land alleine tragen, während andere sich „durchfüttern“ lassen. 

Solche Erzählungen bedienen Ressentiments, auch wenn sie nicht offen ausgesprochen werden. 

Sie teilen die Gesellschaft in Fleißige und Faulpelze, in Tragende und Getragene, in „die da oben“ und „die da unten“, je nachdem, aus welcher Perspektive man schaut. 

Und sie lenken von einer viel unangenehmeren Frage ab:
Wie kann es sein, dass in einem reichen Land so viele Menschen trotz Arbeit das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten?
Wie kann es sein, dass Vollzeitarbeit nicht mehr automatisch Sicherheit bedeutet?
Wie kann es sein, dass immer mehr Menschen zwar arbeiten, aber kaum Luft haben?

Eine ernsthafte Debatte über Arbeit in Deutschland müsste ganz anders beginnen. 

Sie müsste anerkennen, dass viele Menschen längst am Limit sind, dass Arbeitsverdichtung ein reales Problem ist, dass psychische Erkrankungen nicht Mode, sondern Reaktion auf Dauerbelastung sind, dass Pflege und Betreuung systemisch unterfinanziert sind, dass Teilzeit nicht Faulheit ist, sondern oft die einzige Möglichkeit, das Leben zu organisieren. 

Sie müsste anerkennen, dass die Arbeitswelt nicht nur aus gut bezahlten, flexiblen Büroberufen besteht, sondern aus Schichten, Wochenenden, körperlicher Arbeit, emotionaler Arbeit, Kundenkontakt, Stress.
Sie müsste auch anerkennen, dass Deutschland in vielen Bereichen nicht an fehlender Arbeitsmoral leidet, sondern an fehlender Modernisierung.

Und sie müsste eine unangenehme Wahrheit aussprechen: 

Deutschland hat sich lange auf einem Modell ausgeruht, das gut funktioniert hat, solange die Welt stabil war. 

Billige Energie, exportstarke Industrie, zuverlässige Infrastruktur, ein Bildungssystem, das zumindest in Teilen solide war, und eine Verwaltung, die zwar langsam, aber berechenbar war. 

Dieses Modell gerät unter Druck. 

Nicht weil Menschen plötzlich faul geworden sind, sondern weil globale Konkurrenz, geopolitische Krisen, Digitalisierung, demografischer Wandel und interne Versäumnisse gleichzeitig wirken. 

Wer das ernst nimmt, muss nicht die Bevölkerung beschimpfen, sondern das Land modernisieren.

Man kann sogar noch weitergehen. 

Die „mehr arbeiten“-Erzählung ist nicht nur analytisch schwach, sie ist auch politisch riskant. 

Denn sie verstärkt genau die Dynamik, die viele Menschen ohnehin schon spüren: dass sie funktionieren sollen, während Systeme nicht funktionieren. 

Dass sie sich anpassen sollen, während Strukturen träge bleiben.
Dass sie Leistung bringen sollen, während Anerkennung ausbleibt.
Und dass sie Verantwortung tragen sollen, während Verantwortung nach oben hin erstaunlich oft verdunstet.

Ein Kanzler hat natürlich das Recht, über Arbeitskraft, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand zu sprechen.
Das ist sein Job. Aber er hat auch die Pflicht, präzise zu sein. 

Pauschale Sätze über Faulheit sind nicht präzise.
Sie sind eine Stimmungserzählung.
Und Stimmungserzählungen sind gefährlich, weil sie nicht lösen, sondern spalten. 

Sie sind auch bequem, weil sie scheinbar klar sind, wo die Wirklichkeit komplex ist.
Und sie sind ungerecht, weil sie ausgerechnet diejenigen treffen, die ohnehin wenig Lobby haben: 

Menschen in schlecht bezahlten Berufen, Menschen in systemrelevanten Jobs, Menschen, die neben Arbeit noch Pflege leisten, Menschen, die in Teilzeit arbeiten, weil die Gesellschaft ihnen keine bessere Option bietet.

Wenn Deutschland wirtschaftlich wieder stärker werden soll, dann wird das nicht gelingen, indem man den Menschen ein schlechtes Gewissen macht.
Es wird gelingen, indem man die Rahmenbedingungen verbessert, die Produktivität steigert, die Verwaltung modernisiert, die Infrastruktur saniert, Bildung ernsthaft reformiert, Innovation erleichtert, Migration sinnvoll organisiert, Arbeit fair entlohnt und Familien entlastet. 

Das ist mühsam. 

Das ist teuer. 

Das ist politisch konfliktreich. 

Aber es ist ehrlich.

Und das ist genau der Kern: 

Ehrlichkeit ist anstrengender als Moral. 

Wer sagt „ihr müsst mehr arbeiten“, kann sich kurz stark fühlen. 

Wer sagt „wir haben strukturelle Probleme, die wir lösen müssen, und das wird Jahre dauern“, wirkt weniger heroisch. 

Aber er würde den Menschen zumindest nicht unterstellen, sie seien das Problem. 

Denn das sind sie nicht. 

Die meisten Menschen in diesem Land sind nicht faul. 

Sie sind müde. 

Und sie sind müde, weil sie zu lange erlebt haben, dass von ihnen immer mehr verlangt wird, während von denen, die gestalten könnten, oft nur geredet wird.

Kornkreise: Zwischen Mythos, Manipulation und Wissenschaft

Seit Jahrzehnten tauchen in den Getreidefeldern Englands, Deutschlands und zahlreicher anderer Länder geometrische Muster auf, die das menschliche Auge mit einer Mischung aus Staunen und Irritation betrachtet. 

Spiralen, Mandalas, verschlungene Kreise, mathematisch anmutende Figuren – all das eingedrückt in goldenes Getreide, entstanden über Nacht, scheinbar ohne Spur. 

Was zunächst als regionales Kuriosum galt, wurde spätestens in den 1980er und 1990er Jahren zu einem globalen Phänomen, das Millionen Menschen in seinen Bann zog und eine ganze Subkultur hervorbrachte, die sich selbst den wissenschaftlich klingenden Namen „Zerealienologie” gab. 

Doch hinter dem faszinierenden Schein verbirgt sich eine Geschichte aus handwerklichem Geschick, menschlicher Leichtgläubigkeit und dem systematischen Missbrauch wissenschaftlicher Sprache, um das Offensichtliche zu verschleiern.

Den vielleicht wichtigsten Moment in der Geschichte der Kornkreise erlebte die Welt im Jahr 1991, als zwei englische Rentner, Doug Bower und Dave Chorley, öffentlich bekannten, dass sie seit 1978 mit einfachsten Mitteln – einem Holzbrett, Seilen und einem Baseballcap mit einer Drahtschlaufe als Visier – Hunderte von Kornkreisen in der Grafschaft Hampshire und darüber hinaus angelegt hatten. 

Sie demonstrierten ihre Technik vor laufenden Kameras, reproduzierten komplexe Muster in wenigen Stunden und ließen dabei keinerlei erkennbare Spuren zurück, die eine menschliche Urheberschaft verraten hätten. 

Die Reaktion großer Teile der Kornkreisgemeinde auf diese Enthüllung war bezeichnend: 

Statt die eigene Position zu überdenken, erklärte man die Arbeit von Bower und Chorley kurzerhand zu Fälschungen und behauptete, es gebe daneben noch immer „echte” Kornkreise übernatürlichen oder außerirdischen Ursprungs. 

Damit war ein Argumentationsmuster etabliert, das bis heute die Rhetorik der Szene prägt und das in seiner epistemischen Struktur jedem ernsthaften wissenschaftlichen Denken fundamental widerspricht.

Es ist nämlich kein Zufall, dass diese Unterscheidung zwischen „echten” und „gefälschten” Kornkreisen exakt in dem Moment entstand, als der menschliche Ursprung zumindest eines Teils dieser Phänomene unwiderlegbar belegt wurde. 

In der Wissenschaftstheorie bezeichnet man das, was hier geschieht, als Ad-hoc-Hypothese: eine nachträgliche Hilfskonstruktion, die einzig dem Zweck dient, eine widerlegte Behauptung vor der Falsifizierung zu bewahren. 

Karl Popper, dessen Falsifikationsprinzip das Fundament moderner Wissenschaftsphilosophie bildet, hat genau dieses Vorgehen als zentrales Merkmal pseudowissenschaftlichen Denkens identifiziert. 

Eine Theorie, die sich durch beliebige Zusatzannahmen gegen jede mögliche Widerlegung immunisiert, sagt im Grunde nichts mehr aus, denn sie kann durch keine denkbare Beobachtung erschüttert werden. 

Wer immer behaupten kann, ein unangenehmes Gegenbeispiel sei eben kein „echtes” Beispiel, hat sich aus dem Reich der überprüfbaren Aussagen vollständig verabschiedet.

Die Frage, wie diese angeblich echten Kornkreise von gefälschten unterschieden werden sollen, ist dabei von zentraler Bedeutung. 

Die Vertreter der Alien-Hypothese und verwandter übernatürlicher Erklärungsansätze behaupten, über Messmethoden und Geräte zu verfügen, die diesen Unterschied zuverlässig nachweisen können. 

Besonders prominent sind dabei Behauptungen über veränderte elektromagnetische Felder innerhalb der Kornkreise, über Strahlung, über angebliche Anomalien in den Pflanzenstängeln, über veränderte Kristallstrukturen im Boden oder über unerklärliche Verzerrungen magnetischer Kompasse. 

Doch bei näherer Betrachtung offenbart sich das fundamentale Problem dieser Behauptungen: 

Sie werden nie mit der methodischen Transparenz vorgetragen, die wissenschaftliche Erkenntnisse von bloßen Behauptungen unterscheidet. 

Es wird nicht beschrieben, welche Geräte nach welchem physikalischen Prinzip arbeiten, welche Kalibrierung vorgenommen wurde, welche Kontrollmessungen außerhalb der Kornkreise zum Vergleich herangezogen wurden, wie groß die Stichproben waren, ob unabhängige Wissenschaftler die Messungen unter denselben Bedingungen reproduzieren konnten und ob die Rohdaten für die öffentliche Überprüfung zugänglich sind. 

Ohne diese Informationen ist jede noch so spektakuläre Messbehauptung wissenschaftlich wertlos, unabhängig davon, wie vertrauenswürdig die Person wirkt, die sie vorträgt.

Was in der Kornkreisszene stattdessen geschieht, ist eine Art zirkuläre Beglaubigung, die die äußere Form wissenschaftlicher Überprüfung imitiert, ohne deren Substanz zu besitzen. 

Eine Person behauptet, etwas gemessen zu haben.
Eine zweite Person aus demselben Milieu bestätigt diese Behauptung.
Eine dritte verweist auf beide als Belege. 

Es entsteht ein Netzwerk gegenseitiger Referenzen, das von außen wie ein Korpus überprüfter Erkenntnisse wirken kann, tatsächlich aber nichts anderes ist als eine geschlossene Erzählgemeinschaft, die ihre eigenen Annahmen durch Wiederholung stabilisiert. 

In der Wissenschaft nennt man das, was hier fehlt, unabhängige Replikation: das Herzstück empirischer Erkenntnisgewinnung, das sicherstellt, dass ein beobachteter Effekt nicht auf Messfehler, Voreingenommenheit oder Zufall zurückzuführen ist. 

Kein peer-reviewed Journal hat jemals einen methodisch belastbaren Nachweis für übernatürlich entstandene Kornkreise publiziert, und das ist kein Versäumnis der akademischen Welt, sondern das Ergebnis der schlichten Tatsache, dass entsprechende Belege schlicht nicht existieren.

Dabei ist es durchaus reizvoll, sich zu fragen, warum das Phänomen der Kornkreise eine so anhaltende Faszination ausübt und warum die Alien-Hypothese trotz aller gegenteiligen Evidenz weiterhin ein treues Publikum findet. 

Kognitionspsychologen haben hierzu erhellende Befunde geliefert. 

Menschen neigen dazu, in zufälligen oder unbekannten Mustern Absicht und Intelligenz zu erkennen – ein evolutionär erklärlicher Mechanismus, der als „Hyperaktives Handlungsdetektionssystem” bekannt ist und der unseren Vorfahren half, potentielle Bedrohungen frühzeitig zu identifizieren. 

Ein perfektes geometrisches Muster in einem Kornfeld löst unwillkürlich das Gefühl aus, dass hier jemand etwas gewollt hat, und der Schritt von dieser Intuition zur Überzeugung ist für viele Menschen kleiner, als rationale Überlegung es erlauben sollte. 

Hinzu kommt das, was Soziologen als Gemeinschaftsfunktion des Glaubens beschreiben: Die Zugehörigkeit zur Kornkreisszene bietet Identität, ein Deutungssystem, das der Welt Bedeutung verleiht, und das Gefühl, Teil einer erleuchteten Minderheit zu sein, die Dinge sieht, die der Rest der Gesellschaft ignoriert oder verdrängt.

Besonders problematisch ist in diesem Zusammenhang die Rolle einzelner Personen, die einen akademischen oder halbakademischen Hintergrund aufweisen und der Szene dadurch eine wissenschaftliche Legitimation verleihen, die sie nicht verdient. 

Es hat tatsächlich Wissenschaftler gegeben, die sich mit Kornkreisen beschäftigt haben, und dieser Umstand wird von der Szene regelmäßig als Beweis für die Ernsthaftigkeit des Phänomens angeführt. 

Doch auch hier ist Vorsicht geboten: 

Der Titel eines Wissenschaftlers schützt weder vor Voreingenommenheit noch vor dem Wunschdenken, und die entscheidende Frage ist immer, ob die jeweils veröffentlichten Befunde den methodischen Standards der entsprechenden Disziplin genügen und ob sie in unabhängigen Labors repliziert werden konnten. 

Die Antwort lautet in aller Regel: nein. 

Wissenschaft ist kein Personenstand, sondern ein Prozess, und dieser Prozess ist beim Thema Kornkreise und Aliens schlicht nie zu dem Ergebnis gekommen, das die Gläubigen ihm zuschreiben.

Dass Menschen Kornkreise anlegen können und tatsächlich anlegen, ist unterdessen so gut dokumentiert, dass es keines weiteren Beweises bedarf. 

Nicht nur Bower und Chorley, sondern Dutzende weiterer Gruppen und Einzelpersonen haben ihre Werke öffentlich präsentiert, ihre Methoden erklärt und ihre Entstehungsprozesse gefilmt. 

Professionelle Kornkreiskünstler wie die britische Gruppe „Team Circle” oder die niederländische Gruppe „Circlemakers” haben Muster von atemberaubender Komplexität geschaffen, die auch erfahrene Mitglieder der Zerealienologie-Szene nicht von angeblich „echten” Kornkreisen zu unterscheiden vermochten. 

Als man bei einem bekannten Mitglied dieser Szene Bilder solcher nachgewiesenermaßen von Menschen gemachter Kornkreise unterbreitete, ohne den Ursprung zu nennen, wurde ein Teil davon prompt als außerirdischen Ursprungs eingestuft und mit entsprechenden Messdaten belegt, die im Nachhinein ihre Unzuverlässigkeit deutlich demonstrierten.

Es bleibt die nüchterne Feststellung, dass Kornkreise faszinierend und ästhetisch beeindruckend sind, gerade weil sie von Menschen gemacht werden. 

Das handwerkliche Können, die nächtliche Planung, die geometrische Präzision und die Fähigkeit, großformatige Kunstwerke in Getreidefeldern zu erzeugen, ohne erkannt zu werden, verdienen tatsächlich Bewunderung. 

Die Geschichte der Kornkreise ist, richtig verstanden, eine Geschichte menschlicher Kreativität, spielerischen Witzes und kollektiver Phantasie, und sie ist als solche weit interessanter als die banale Behauptung, irgendeine außerirdische Zivilisation habe beschlossen, ihre kosmische Botschaft ausgerechnet in die Getreidefelder der englischen Grafschaft Wiltshire zu schreiben, ohne dabei je eine belastbare Spur ihrer Existenz zu hinterlassen. 

Wer Kornkreisen wirklich gerecht werden will, sollte die Menschen würdigen, die sie erschaffen haben, anstatt ihre Arbeit unsichtbar zu machen, indem man sie einer Intelligenz zuschreibt, für die es nicht den geringsten belastbaren Beleg gibt.

Das kurze Gedächtnis der Elterngeneration – oder: Warum Dankbarkeit keine Schwäche ist

Wenn aus fürsorglichen Eltern plötzlich anklagende Kinder werden

Es gibt einen Moment im Leben vieler Menschen, der alles verändert. 

Der Moment, in dem man selbst zum ersten Mal ein Kind in den Armen hält und plötzlich begreift, was Verantwortung wirklich bedeutet. 

Die Welt ordnet sich neu. Prioritäten verschieben sich. Und mit ihnen – leider allzu oft – auch das Bild, das man von der eigenen Kindheit trägt.

Was dann passiert, ist ein Phänomen, das Kinderärzte, Hebammen und Familientherapeuten seit Jahren mit stiller Besorgnis beobachten: Die neu gebackenen Eltern werfen einen prüfenden Blick zurück in ihre eigene Kindheit und beginnen, Bilanz zu ziehen. Nicht selten fällt diese Bilanz zuungunsten der eigenen Eltern aus. Plötzlich erinnert man sich an verpasste Vorsorgeuntersuchungen, an Entwicklungsschritte, die niemand dokumentiert hat, an Impftermine, die möglicherweise zu spät wahrgenommen wurden. Und aus diesen Erinnerungen – oft bruchstückhaft, oft emotional gefärbt, selten objektiv – wird Anklage.

Die eigenen Eltern, die Großmütter und Großväter von heute, sitzen dann am Küchentisch und hören sich vorhalten, was sie damals angeblich versäumt haben. Oft sprachlos. Oft verletzt. Und fast immer zutiefst missverstanden.

Man muss es klar sagen: Die modernen Früherkennungsuntersuchungen für Kinder sind eine der großen Errungenschaften der zeitgenössischen Medizin. Die sogenannten U‑Untersuchungen in Deutschland – von U1 direkt nach der Geburt bis U9 im Vorschulalter, ergänzt durch J1 und J2 im Jugendalter – sind ein gut durchdachtes System, das Entwicklungsstörungen frühzeitig erkennen, Krankheiten vorbeugen und Eltern Orientierung geben soll. Wer ein Kind durch dieses System begleitet, tut etwas Richtiges. Unbestritten.

Doch dieser berechtigte Stolz auf die eigene Fürsorge schlägt manchmal in etwas um, das man nur als retrospektiven Hochmut bezeichnen kann. Die Eltern von heute, ausgestattet mit Smartphones voller Tracking-Apps, mit Vorsorgeheften, die akribisch abgehakt werden, mit Kinderärzten, die per Online-Terminbuchung erreichbar sind, und mit einer Flut an Ratgeberliteratur, die jeden Lebensmonat eines Kindes penibel begleitet – diese Eltern messen die Vergangenheit mit dem Maßstab der Gegenwart. Und das ist, mit Verlaub, intellektuell unredlich.

Denn was sie dabei vergessen, ist so simpel wie fundamental: Ihre eigenen Eltern liebten mit der gleichen Kraft, handelten nach bestem Wissen und Gewissen und gaben alles, was sie hatten. Der Beweis liegt, oft genug, direkt vor ihnen – in Form ihrer eigenen, gesunden und gut entwickelten Person.

Lassen Sie uns eine Familie betrachten, wie sie sich so oder ähnlich in Deutschland tausendfach findet. Nennen wir sie die Familie Brenner.

Melanie und Jonas Brenner, beide Anfang dreißig, sind Eltern eines kleinen Mädchens. Emilia wurde vier Wochen vor dem errechneten Termin geboren – ein sogenanntes spätes Frühchen, medizinisch auch als „Late Preterm” bezeichnet, robust und von Anfang an auf einem guten Weg. Die ersten Tage waren mit der natürlichen Aufregung verbunden, die jede Frühgeburt mit sich bringt, doch Emilia entwickelte sich rasch und prächtig. Heute ist sie ein lebhaftes, neugieriges Kind mit großen Augen und einem Lachen, das den ganzen Raum füllt.

Der Kinderarzt hat es bei jeder Untersuchung bestätigt, zuletzt mit einer Eindeutigkeit, die keinen Zweifel lässt: Emilia ist vollkommen unauffällig. Ihre Entwicklung entspricht in allen relevanten Bereichen dem, was man von einem Kind ihres Alters erwartet. Kein Rückstand, keine Auffälligkeiten, keine Hinweise auf irgendeine Form von Beeinträchtigung. Das Mädchen ist, wie der Arzt es freundlich aber bestimmt formulierte, kerngesund und altersgerecht entwickelt.

Doch Melanie und Jonas scheinen dieses Urteil nicht wirklich annehmen zu können. Oder zu wollen.

Was bei Emilias Geburt begann, war verständlich und menschlich: Eltern, die ihr zu früh geborenes Kind mit besonderer Wachheit beobachteten, die jeden Schritt dokumentierten, jeden Arzttermin wahrnahmen, jede Entwicklung mit dem Lineal der Erwartung maßen. Diese Intensität der Sorge ist in den ersten Wochen nach einer Frühgeburt nicht nur verständlich, sie ist geradezu natürlich. Das Herz eines Elternteils, das sein Kind im Brutkasten sieht, lernt eine Art von Wachheit, die sich nicht einfach wieder abstellen lässt.

Das Problem ist: Sie ließ sich bei den Brenners auch dann nicht abstellen, als längst keine Gefahr mehr bestand.

Die Psychologie hat für dieses Phänomen einen Namen: die sogenannte „vulnerable child syndrome”, das Syndrom des verwundbaren Kindes. Eltern, die ihr Kind in einer frühen Phase als gefährdet oder bedroht erlebt haben, neigen dazu, diese wahrgenommene Verwundbarkeit auf die gesamte weitere Entwicklung zu projizieren – auch dann noch, wenn das Kind längst bewiesen hat, dass es stark und gesund ist. Die frühe Angst legt sich wie eine Folie über den Blick und verfärbt alles, was man sieht.

Bei den Brenners äußert sich das inzwischen auf eine Weise, die ihrem Umfeld zunehmend Sorgen bereitet. Wenn Emilia auf dem Spielplatz keine Sandburgen baut, während andere Kinder es tun, dann ist das für Melanie kein Zufall, kein individueller Spielstil, keine bloße Laune des Augenblicks. Für Melanie ist es ein Zeichen. Ein weiterer Hinweis auf das, was sie insgeheim längst befürchtet. Dabei ist die schlichte Wahrheit: Manche Kinder bauen Sandburgen, manche interessieren sich mehr für Schaukeln, andere laufen lieber durch Pfützen. Das ist keine Diagnostik. Das ist Kindheit.

Der Kinderarzt hat es ruhig und wiederholt erklärt. Die Entwicklungspädiaterin, zu der die Brenners auf eigene Initiative gegangen sind, hat es bestätigt. Emilia ist ein vollkommen normales Kind. Die Sandburg ist kein Symptom. Aber Melanie und Jonas bauen aus lauter Sandkörnern der Sorge eine Burg der Angst, die ihr Kind eines Tages spüren wird – als Last, die es nicht verdient hat.

Nun könnte man meinen, dass Eltern, die so intensiv um ihr Kind besorgt sind, zumindest in der Vergangenheit ähnlich viel Fürsorge erfahren haben und diese daher zu schätzen wissen. Doch es ist bei den Brenners, wie so oft, genau umgekehrt.

Melanie wuchs bei ihrer Mutter Elisabeth auf, einer Frau, die ihre Tochter mit derselben Sorgfalt und Hingabe durch die Kindheit begleitete, die Melanie heute für sich in Anspruch nimmt. Elisabeth brachte Melanie zu allen empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen. Sie war präsent, aufmerksam und liebevoll. Das Ergebnis spricht für sich: Melanie wuchs ohne jede Entwicklungsverzögerung auf, ohne Handicaps, ohne Auffälligkeiten. Sie ist heute eine gesunde, funktionsfähige Erwachsene – der lebendige Beweis für die gute Arbeit ihrer Mutter.

Doch das scheint in Melanies rückwärtsgerichtetem Blick keine Rolle zu spielen. Stattdessen findet Elisabeth sich zunehmend in der Rolle der Angeklagten wieder. Ob die Vorsorgeuntersuchungen damals wirklich alle gemacht wurden? Ob Elisabeth wirklich aufmerksam genug war? Diese Fragen – implizit, manchmal auch explizit – vergiften die Beziehung zwischen Mutter und Tochter auf eine Weise, die schmerzt und die vor allem eines ist: ungerecht.

Denn Elisabeth weiß, was sie getan hat. Sie hat es getan. Die Hefte existieren. Die Erinnerungen existieren. Und vor allem: Melanie existiert, gesund und stark. Welchen weiteren Beweis soll eine Mutter noch erbringen?

Das eigentliche Problem der Familie Brenner ist kein medizinisches. Es ist ein psychologisches – und es trägt einen Namen, der in der modernen Erziehungsforschung zunehmend diskutiert wird: überhöhte elterliche Erwartungen in Kombination mit einer Kultur der Optimierung.

Wir leben in einer Zeit, in der Elternschaft zum Leistungssport geworden ist. Kinder sollen nicht einfach aufwachsen – sie sollen Meilensteine erreichen, Entwicklungsfenster nutzen, Potenziale entfalten. Jede Phase der Kindheit ist durchzogen von Erwartungen, Vergleichen und der stillen, manchmal lauten Frage: Ist mein Kind gut genug? Ist es schnell genug, klug genug, sozial kompetent genug?

Diese Haltung erzeugt eine Wahrnehmungsverzerrung, die Normalität zur Ausnahme und jeden individuellen Entwicklungsweg zur potentiellen Abweichung macht. Wenn Emilia keine Sandburg baut, ist das – in einer entspannten Welt – schlicht unrelevant. Kinder haben individuelle Interessen, Vorlieben und Tempi. Was Melanie und Jonas als besorgniserregend wahrnehmen, ist in Wirklichkeit die bunte, ungeordnete Normalität der Kindheit. Ihr Fehler ist nicht Gleichgültigkeit. Ihr Fehler ist das genaue Gegenteil: eine Aufmerksamkeit, die so hoch gedreht ist, dass sie das Rauschen vom Signal nicht mehr unterscheiden kann.

Und dieses überdrehte Radar richtet sich nach innen – gegen das eigene Kind, das unter dem Gewicht der elterlichen Sorge beinahe zu verschwinden droht – und nach außen, gegen die Großmutter Elisabeth, die als Sündenbock herhalten muss für eine Angst, die in Wirklichkeit nichts mit ihr zu tun hat.

Elisabeth ist nicht allein. Überall in Deutschland sitzen Großeltern am Tisch und hören zu, wie ihre Kinder ihnen erklären, was sie damals hätten besser machen sollen. Wie sie ihren Enkeln gegenüber Erwartungen formulieren, die das Kind erdrücken. Wie aus einem gesunden, fröhlichen Kind ein Projekt wird, das optimiert werden muss.

Viele dieser Großeltern schweigen. Aus Liebe zu ihren Kindern. Aus dem Wunsch heraus, den Frieden zu erhalten. Aus der stillen Hoffnung, dass das alles irgendwann wieder normal wird. Aber ihr Schweigen kostet sie etwas. Es kostet sie Würde, manchmal. Es kostet sie die unbefangene Freude am Enkel, der eigentlich der schönste Teil des Alters sein sollte.

Und es kostet die Kinder etwas, ohne dass sie es merken: den Großeltern gegenüber nämlich jene Dankbarkeit, die nicht nur eine moralische Kategorie ist, sondern auch eine psychologische Ressource. Wer dankbar ist, wer anerkennt, was andere für einen getan haben, der wächst daran. Der entwickelt eine gesunde Demut gegenüber der eigenen Unvollkommenheit. Und diese Demut – das zeigt die psychologische Forschung übereinstimmend – macht auch zu besseren Eltern.

Es ist an der Zeit, ein unbequemes Wort in die Mitte des Raumes zu stellen: Dankbarkeit.

Nicht die weiche, sentimentale Dankbarkeit der Grußkarten. Sondern die ernsthafte, erwachsene Bereitschaft anzuerkennen, dass man das eigene Leben einer Kette von Opfern, Anstrengungen und liebevollen Entscheidungen verdankt, die andere für einen getroffen haben. Dass Melanie heute in der Lage ist, ein Kind großzuziehen, dass sie selbst gesund und kompetent durch die Welt geht – das ist nicht vom Himmel gefallen. Das ist das Ergebnis von Elisabeths jahrzehntelangem Einsatz. Eines Einsatzes, der offenbar so gut war, dass er keine Spuren hinterließ, die man heute beklagen könnte.

Melanie sollte innehalten und sich eine einzige Frage stellen: Wenn Emilia in dreißig Jahren auf meine Mutterschaft zurückblickt – mit welchen Augen soll sie das tun? Mit Augen, die Wärme sehen und Liebe und das Gefühl, bedingungslos angenommen gewesen zu sein? Oder mit Augen, die eine Mutter sehen, die stets besorgt war, stets verglich, stets zweifelte – an ihr, an sich, an allen?

Die Antwort auf diese Frage beginnt heute. Und sie beginnt vielleicht damit, die eigene Mutter anzurufen und einfach zu sagen: Danke. Du hast es gut gemacht. Ich sehe das jetzt.

Emilia Brenner ist ein gesundes Kind. Das ist die gute Nachricht, und sie verdient es, laut gesagt zu werden. Sie braucht keine Therapie, keine Fördermaßnahmen, keine besorgten Blicke, die ihr signalisieren, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie braucht das, was alle Kinder brauchen: Eltern, die ihr vertrauen. Die ihr zutrauen, dass sie ihren Weg geht. Die aufhören, in jeder Sandburg, die nicht gebaut wird, ein Symptom zu sehen.

Sie braucht Eltern, die loslassen können. Die begreifen, dass das Beste, was sie für ihr Kind tun können, nicht die perfekte Dokumentation seiner Entwicklung ist, sondern die entspannte Gewissheit: Du bist gut so, wie du bist.

Und sie braucht eine Großmutter Elisabeth, die noch viele Jahre unbeschwert mit ihr spielen kann. Ohne Anklage im Raum. Ohne das Gewicht falscher Vorwürfe. Mit der einfachen, warmen Würde einer Frau, die ihren Job gut gemacht hat – und die das weiß.

Am Ende ist es so schlicht wie unbequem: Die Familie Brenner hat kein krankes Kind. Sie haben eine gesunde Tochter und eine verletzte Großmutter. Und die einzige Diagnose, die hier wirklich zutrifft, ist nicht im Vorsorgeheft zu finden. Sie lautet: zu viel Angst, zu wenig Vertrauen – und viel zu wenig Dankbarkeit.

Greta Thunbergs empörende Doppelmoral

Schweigen zum Hamas-Terror, Hetze gegen Israel

Nach ihrer Festnahme bei einer umstrittenen Gaza-„Hilfsaktion” hat Greta Thunberg einmal mehr bewiesen, wie tief sie in antiisraelischer Propaganda verhaftet ist und wie gleichgültig ihr das Blut unschuldiger Opfer des Hamas-Terrors ist. 

Während sie sich in ihren Statements theatralisch über angebliche israelische „Kriegsverbrechen” ausließ, sucht man vergeblich auch nur ein einziges Wort des Mitgefühls für die Hunderte von Zivilisten, die am 7. Oktober von Hamas-Schergen abgeschlachtet, vergewaltigt und als Geiseln verschleppt wurden. 

Stattdessen jammerte die selbsternannte Moralikone über die „chaotischen” Umstände ihrer Festnahme – als ob ein paar Stunden Polizeigewahrsam auch nur im Entferntesten mit dem Schicksal israelischer Familien vergleichbar wäre, die in ihren eigenen Häusern von Hamas-Mördern niedergemetzelt wurden. 

Ihre dreiste Gleichsetzung von israelischer Selbstverteidigung mit „Völkermord” ist nicht nur geschichtsfälschend, sondern eine unverschämte Verhöhnung aller Terror-Opfer. 

Doch Thunbergs zynische Agenda geht noch weiter.

In ihrem Instagram-Statement hetzte sie unverhohlen für den sogenannten „palästinensischen Widerstand” – ein beschönigender Code für eine Terrororganisation, die in ihrer Charta die Vernichtung Israels fordert. 

Dass sie ausgerechnet am Tag ihrer Festnahme mit „From the river to the sea”-Aktivisten posierte (ein bekannter Schlachtruf für Israels Auslöschung), entlarvt ihre scheinheilige Friedensrhetorik. 

Besonders widerlich: Während sie deutsche Behörden hysterisch als „Unterdrücker” beschimpft, weil diese Antisemiten und Hamas-Sympathisanten nicht ungestört hetzen lassen, zeigt sie keinerlei Skrupel, die realen Unterdrücker in Gaza zu unterstützen – jene Hamas-Terroristen, die ihre eigene Bevölkerung als menschliche Schutzschilde missbrauchen. 

Dass eine schwedische Millionärstochter, die niemals unter Terror leben musste, sich zum Sprachrohr von Massenmördern macht, ist an Perversion kaum zu überbieten. 

Thunbergs selektive Empörung ist kein „Aktivismus”, sondern blanker Judenhass im grünen Mäntelchen. 

Wer beim größten Judenmord seit dem Holocaust schweigt, dann aber Israel zum „Täter” erklärt, hat jede moralische Glaubwürdigkeit verspielt. 

Ihr Gaza-„Einsatz” ist nichts weiter als eine PR-Kampagne für Terror-Apologeten – und eine Schande für jede echte Friedensbewegung.

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