
Die elektronische Patientenakte
Ein digitales Versprechen auf dem Prüfstand
Von Dietmar Schneidewind
Vor einem Jahr wurde die elektronische Patientenakte (ePA) für Ärzte in Deutschland verpflichtend eingeführt, doch statt einer digitalen Revolution im Gesundheitswesen offenbart sich ein Bild der Ernüchterung.
Bürokratie, technische Mängel und ein fehlender Mehrwert für Patienten bremsen die Akzeptanz aus.
Nur 18 Prozent der gesetzlich Versicherten verwalten ihre ePA aktiv, 71 Prozent nutzen sie gar nicht.
Neun Prozent haben sie sogar widersprochen oder gelöscht.
Die Zahlen einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentralen sprechen eine klare Sprache:
Die ePA ist ein Projekt, das an der Realität vorbeigeplant wurde.
Ein System, das sich selbst im Weg steht
Die Kritik an der Umsetzung ist vernichtend.
Der Hausärzteverband und die Verbraucherzentrale stimmen darin überein:
Der Registrierungsprozess ist „absurd kompliziert“, technische Störungen an der Tagesordnung, und selbst grundlegende Funktionen wie eine Volltextsuche fehlen.
„Die ePA ist ein Paradebeispiel dafür, wie man eine gute Idee durch schlechte Umsetzung kaputtmacht“, sagt Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband.
Statt Patienten zu entlasten, werde ihnen eine weitere Hürde im Gesundheitsdschungel aufgebürdet.
Doch die Probleme gehen tiefer.
Die ePA, die eigentlich Transparenz und Effizienz schaffen sollte, wird von vielen Patienten schlicht ignoriert – weil sie im Alltag keinen spürbaren Nutzen bringt.
„Solange alltagstaugliche Dokumente wie der Impfpass, der Mutterpass oder das Zahnarzt-Bonusheft nicht integriert sind, bleibt die ePA ein stumpfes Schwert“, kritisiert Müller.
Die Verbraucherzentrale fordert seit Monaten Nachbesserungen, doch die Politik reagiert zögerlich.
Der Arzt zwischen Hoffnung und Frust
Die Praxis zeigt: Selbst überzeugte Befürworter der ePA stoßen an Grenzen.
Dr. Bahman Afzali, Hausarzt in Berlin-Neukölln, sieht das Potenzial der digitalen Akte – etwa wenn es darum geht, Medikamentenpläne schnell abzugleichen.
Doch die Technik macht ihm das Leben schwer. „Immer wieder gibt es Probleme bei der Anmeldung oder beim Hochladen von Dokumenten“, berichtet Afzali. „Das kostet Zeit, die ich für meine Patienten brauche.“
Sein Patient Kevin Büttner, 42, hat seine ePA zwar aktiviert, nutzt sie aber kaum.
„Ich habe sie einmal angesehen, aber im Alltag vergisst man sie einfach“, sagt Büttner. „Wenn ich zum Arzt gehe, nehme ich lieber meine Unterlagen in Papierform mit – das ist zuverlässiger.“
Ein trauriges Fazit für ein System, das eigentlich die Patienten in den Mittelpunkt stellen sollte.
Warum die ePA (noch) nicht ankommt
Die elektronische Patientenakte scheitert nicht an einem einzelnen Problem, sondern an einer Reihe grundlegender Schwächen, die ihr Potenzial von Anfang an untergraben.
Anstatt Patienten und Ärzte mit einer intuitiven, alltagstauglichen Lösung zu unterstützen, wurden sie mit einem überfrachteten System konfrontiert, das durch unnötige Komplexität glänzt.
Die Benutzerfreundlichkeit, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, bleibt auf der Strecke – und mit ihr die Bereitschaft, die ePA aktiv zu nutzen.
Hinzu kommt, dass die Akte wie ein unvollständiges Puzzle wirkt.
Wichtige Dokumente des Gesundheitsalltags – vom Impfpass über den Mutterpass bis hin zum Zahnarzt-Bonusheft – fehlen.
Ohne diese Integration bleibt die ePA für viele Patienten ein abstraktes, kaum relevantes Werkzeug, das im besten Fall ignoriert, im schlimmsten Fall als lästige Pflicht empfunden wird.
Technisch gesehen hinkt das System hinterher. Ständige Störungen, langsame Ladezeiten und das Fehlen grundlegender Funktionen wie einer Volltextsuche sorgen für Frust statt für Vertrauen.
Wer sich nicht darauf verlassen kann, dass die ePA im entscheidenden Moment funktioniert, wird sie kaum nutzen – und schon gar nicht empfehlen.
Doch selbst wenn die Technik einwandfrei funktionieren würde, bliebe ein zentrales Problem: Viele Versicherte wissen schlicht nicht, was die ePA leisten kann oder warum sie sie überhaupt nutzen sollten.
Hier versagt die Kommunikation auf ganzer Linie.
Statt einer klaren Aufklärung über die Vorteile und Möglichkeiten der digitalen Akte herrscht oft Ratlosigkeit – und die führt direkt zur Ablehnung.
Solange die ePA nicht als echter Mehrwert erlebbar wird, bleibt sie ein teures Experiment, das an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigeht.
Was jetzt passieren muss
Die elektronische Patientenakte steht an einem Scheideweg:
Entweder sie durchläuft eine grundlegende Reform, die sie endlich zu dem macht, was sie sein sollte – ein nützliches, alltagstaugliches Werkzeug für Patienten und Ärzte.
Oder sie bleibt ein teures Prestigeprojekt, das in der Versenkung verschwindet, ohne jemals sein volles Potenzial entfaltet zu haben.
Dafür muss der Registrierungsprozess radikal vereinfacht werden.
Bürokratische Hürden, die Patienten und Ärzte abschrecken, gehören abgeschafft.
Stattdessen braucht es eine nutzerfreundliche Lösung, die ohne komplizierte Schritte auskommt und Menschen jeden Alters sowie jeder technischen Vorbildung den Zugang ermöglicht.
Eine ePA, die nur von IT-Experten bedient werden kann, hat im Gesundheitswesen keinen Platz.
Ein weiteres zentrales Problem ist die unvollständige Integration wichtiger Dokumente.
Solange der Impfpass, der Mutterpass oder das Zahnarzt-Bonusheft nicht in der ePA abgebildet werden, bleibt sie ein halbgares Angebot.
Diese Dokumente sind fester Bestandteil des medizinischen Alltags – ihre Abwesenheit macht die Akte für viele Patienten schlicht irrelevant.
Hier muss schnellstmöglich nachgebessert werden, um die ePA zu einem echten Begleiter im Gesundheitsmanagement zu machen.
Selbst die beste Infrastruktur nützt nichts, wenn die Technik nicht zuverlässig funktioniert.
Ständige Störungen, langsame Reaktionszeiten und fehlende Basisfunktionen wie eine Volltextsuche untergraben das Vertrauen in das System.
Technische Stabilität ist keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung – und sie muss endlich hergestellt werden.
Schließlich braucht es eine umfassende Aufklärungskampagne, die Patienten und Ärzte gleichermaßen erreicht.
Viele wissen schlicht nicht, welchen Nutzen die ePA bietet oder wie sie sie sinnvoll einsetzen können.
Hier muss die Politik aktiv werden: mit klaren Informationen, praktischen Anleitungen und einer Kommunikation, die keine Fragen offenlässt.
Nur wenn die Menschen verstehen, was die ePA leisten kann, werden sie sie auch nutzen.
Die Zeit für halbherzige Lösungen ist vorbei – jetzt muss gehandelt werden.
Eine Chance, die nicht vertan werden darf
Die elektronische Patientenakte könnte ein Meilenstein für das deutsche Gesundheitswesen sein – wenn sie endlich den Bedürfnissen der Nutzer entspricht.
Doch solange die Politik die Probleme ignoriert und die Umsetzung weiter stiefmütterlich behandelt, bleibt die ePA ein Symbol für verpasste Chancen.
Die Zeit drängt: Patienten und Ärzte verdienen ein System, das ihnen hilft – nicht eines, das sie im Stich lässt.






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