
Liebe Mitbürger, lasst uns einen Moment innehalten und der wahren Heldin unserer Zeit gedenken: der armen, geplagten Industrie!
Denn was wäre unsere Welt ohne die selbstlosen Opfer unserer Unternehmer, die Tag für Tag darum kämpfen, uns mit billigen Produkten zu versorgen – koste es, was es wolle?
Was für eine Unverschämtheit!
Da wollten doch tatsächlich ein paar verweichlichte Politiker den armen Kindern unter neun Jahren das Recht auf Arbeit nehmen!
Können Sie sich das vorstellen?
Diese kleinen Racker, die nichts lieber taten, als 14 Stunden am Tag an lärmenden Maschinen zu stehen, ihrer Lieblingsbeschäftigung beraubt!
Zum Glück gab es damals schon weitsichtige Industrielle, die das Veto einlegten.
Denn wie sollte man im „internationalen Wettbewerb” bestehen, wenn man nicht auf die flinken Fingerchen der Dreijährigen zurückgreifen konnte?
Man stelle sich vor: Andere Länder hätten uns mit ihrer Kinderarbeit davonziehen können!
Eine Katastrophe!
Doch halt!
Was ist das?
Fast 200 Jahre später, und wir hören immer noch dasselbe Lied?
Bei jeder Tarifverhandlung, bei jedem neuen Gesetz ertönt der verzweifelte Ruf: „Aber der internationale Wettbewerb!”
Es ist, als hätte sich die Zeit in einer Endlosschleife verfangen, in der unsere armen Unternehmen immer kurz vor dem Untergang stehen.
Ist es nicht faszinierend, wie beständig diese Argumentation ist?
Egal ob es um Kinderarbeit, Mindestlöhne oder Umweltauflagen geht – stets droht der Untergang des Abendlandes, äh, der Industrie.
Man könnte fast meinen, es handle sich um eine Art Pawlow’schen Reflex.
Gesetz vorgeschlagen – Pleitewelle prophezeit!
Doch Moment mal!
Irgendetwas stimmt hier nicht.
Wenn wir genau hinschauen, stellen wir fest: Die Industrie existiert immer noch!
Trotz all der „wettbewerbsgefährdenden” Gesetze und Regelungen der letzten zwei Jahrhunderte stehen die Fabriken noch, die Maschinen laufen, und – oh Wunder – Gewinne werden auch noch gemacht!
Könnte es sein, dass…
Nein, unmöglich!
Oder doch?
Könnte es sein, dass diese Argumentation vielleicht, nur vielleicht, ein kleines bisschen übertrieben ist?
Dass sie möglicherweise dazu dient, Veränderungen hinauszuzögern und den Status quo zu bewahren?
Aber nein, das wäre ja zynisch.
Lasst uns stattdessen weiter an das Märchen vom ewigen Untergang glauben.
Denn was wäre eine Gesellschaft ohne die regelmäßige Drohung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs?
Langweilig, sage ich Ihnen!
Also, liebe Mitbürger, das nächste Mal, wenn Sie von drohenden Pleiten und dem gnadenlosen internationalen Wettbewerb hören, denken Sie an die armen Kinder von 1833.
Und seien Sie dankbar, dass wir immer noch dieselben ausgefeilten Argumente hören dürfen – es ist schließlich ein Stück Kulturgut, das wir unbedingt bewahren müssen!
Denn eines ist sicher. Die Argumentation mag sich nie ändern, aber hey, wenigstens geht die Welt dabei nicht unter.
Zumindest bis zur nächsten Tarifverhandlung!






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