
Oh, wie herrlich ist doch die Zeit, in der wir leben!
Eine Ära, in der junge Menschen mit einer Verve, die an mittelalterliche Kreuzzüge erinnert, alles und jeden „normalisieren“ wollen.
„Lasst uns das normalisieren!“, rufen sie, während sie mit erhobenem Smartphone durch die digitalen und analogen Gefilde ziehen.
Ob es nun darum geht, Socken in Sandalen zu tragen, drei Tage lang dasselbe T‑Shirt anzuziehen oder öffentlich über die Konsistenz des eigenen Stuhlgangs zu diskutieren – alles muss „normalisiert“ werden.
Doch wehe, man fragt nach, was dieses mystische „Normalisieren“ eigentlich bedeutet.
Dann herrscht plötzlich Stille, begleitet von einem verwirrten Blinzeln, das an einen Goldfisch erinnert, der gerade realisiert hat, dass sein Glas keine WLAN-Verbindung hat.
„Normalisieren“, dieses wunderbare Zauberwort, scheint eine Art Allzweckwaffe zu sein, die jede Diskussion beendet, bevor sie überhaupt beginnt.
Es ist, als hätte die Generation Z einen linguistischen Schweizer Taschenmesser entdeckt:
Es schneidet, sägt und öffnet Dosen – aber keiner weiß so recht, wie es funktioniert.
„Wir müssen es einfach normalisieren, dass man im Bus lautstark seine Therapiegespräche führt!“, verkündet jemand auf TikTok, während die Kamera dramatisch auf die eigene Stirn zoomt.
„Normalisieren wir, dass man im Meeting weint!“
„Normalisieren wir, dass man Pizza zum Frühstück isst!“
Großartig, wirklich. Aber was genau bedeutet das?
Ist „normalisieren“ ein Aufruf, etwas zur gesellschaftlichen Norm zu erheben?
Ein Plädoyer für Akzeptanz?
Oder einfach ein hipper Code für „Ich will das machen, ohne schief angeschaut zu werden“?
Die Antwort bleibt nebulös, wie ein Instagram-Filter, der alles in pastellfarbenen Nebel taucht.
Wenn man dann die Frechheit besitzt, nachzuhaken – „Ähm, könntest du mal erklären, was du mit ‚normalisieren‘ meinst?“ –, passiert etwas Magisches:
Die Gesprächspartnerin runzelt die Stirn, als hätte man sie gebeten, die Relativitätstheorie in 280 Zeichen zusammenzufassen.
„Na, du weißt schon … Normalisieren halt! Dass es eben … normal wird!“
Aha.
Natürlich.
Wie dumm von einem, das nicht sofort zu erfassen.
Es ist ja auch völlig logisch, dass „normalisieren“ bedeutet, etwas „normal“ zu machen.
Warum hat Kant das nicht schon in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ erwähnt?
Wahrscheinlich war er nicht „woke“ genug.
Das Ironische an der Sache ist, dass der Begriff „normalisieren“ oft genau das Gegenteil bewirkt.
Statt Akzeptanz zu fördern, wird er zu einer Art moralischer Keule, mit der man andere in die Unterwerfung prügelt.
„Wenn du das nicht normalisierst, bist du Teil des Problems!“, heißt es dann.
Dabei bleibt unklar, ob „das“ nun das Tragen von Crocs im Büro ist oder das Posten von Selfies mit dem eigenen Smoothie-Bowl-Frühstück.
Der Begriff wird inflationär eingesetzt, bis er jegliche Bedeutung verliert – ein bisschen wie die Worte „episch“ oder „krass“ in den frühen 2000ern.
Alles ist normalisierbar, also ist nichts mehr besonders.
Gratuliere, liebe Jugend, ihr habt die Semantik erfolgreich in den Ruhestand geschickt.
Und doch, man muss es ihnen lassen:
Die „Normalisierungs“-Bewegung hat etwas herrlich Absurdes.
Sie ist ein Spiegel unserer Zeit, in der jeder mit einem Social-Media-Account glaubt, die Gesellschaft mit einem Schlagwort umkrempeln zu können.
Warum sich mit komplexen Diskussionen über kulturelle Normen, soziale Dynamiken oder psychologische Barrieren abmühen, wenn man einfach „Normalisieren!“ rufen und sich wie ein Revolutionär fühlen kann?
Es ist effizient, es ist trendy, und es erfordert keinerlei Nachdenken.
Perfekt für eine Generation, die zwischen zwei Reels keine drei Sekunden Aufmerksamkeitsspanne übrig hat.
Vielleicht sollten wir einfach aufhören, nach der Bedeutung zu fragen.
Vielleicht ist „normalisieren“ gar kein Verb, sondern ein Lebensgefühl – ein diffuser Ruf nach Freiheit, Akzeptanz und dem Recht, im Jogginganzug zur Arbeit zu gehen, ohne dass die Kollegin die Augenbraue hebt.
Oder vielleicht ist es einfach nur ein weiteres Wort, das die Jugend gekapert hat, um die Alten zu verwirren.
In dem Fall: Mission erfüllt.
Normalisiert das Chaos, liebe Generation Z, aber bitte – erklärt es uns irgendwann.
Wir Alten von der Generation X sind ein bisschen langsam und brauchen eine Bedienungsanleitung.






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