
Das Spiegelselfie – eine grandiose Technik, die offenbar eine der größten Errungenschaften der modernen Fotografie darstellt.
Statt den praktischen Frontkameramodus des Handys zu nutzen, der – man mag es kaum glauben – eigens für Selbstporträts entwickelt wurde, entscheiden sich zahlreiche Menschen bewusst dafür, das Smartphone in die Hand zu nehmen, vor einen Spiegel zu treten und ein Bild zu schießen, auf dem mehr Handy und Hände als Gesichter zu sehen sind.
Eine Entscheidung, die tiefere, wohldurchdachte Absichten erahnen lässt.
Zunächst einmal muss man den Mut und die Selbstsicherheit dieser Spiegelselfie-Künstler bewundern.
Schließlich ist die Frontkamera des Smartphones viel zu ehrlich – sie zeigt jedes Detail gnadenlos.
Da bleibt kein Raum für kunstvolle Verschleierung!
Ein clever positioniertes Handy vor dem Gesicht hingegen ermöglicht es, auf eine subtile Art und Weise ein wenig mysteriös zu wirken.
Vielleicht versteckt sich hinter dem dunklen Rechteck ja ein geheimnisvolles Lächeln, ein magischer Blick oder – so der heimliche Verdacht – ein Gesicht, das wir eben nicht zu Gesicht bekommen sollen.
Es könnte sein, dass der Spiegelselfie-Enthusiast gar nicht daran interessiert ist, das volle Antlitz zu präsentieren.
Vielleicht möchte er nur eine Ahnung, einen Hauch von sich selbst preisgeben, und zwar am liebsten nur den halben Mund oder ein Viertel des linken Auges.
Oder, und das ist eine vielversprechende Theorie, vielleicht geht es in Wirklichkeit gar nicht um das Gesicht.
Das Handy – meist eine glänzende, topaktuelle Ausgabe mit all den neuesten Funktionen und in schillerndem Design – wird bei diesem Vorgang plötzlich zum eigentlichen Hauptdarsteller.
Wenn das Smartphone selbst im Bild erscheint, so ist das schließlich auch eine subtile Art der Dekadenz, ein kleines Flüstern in die digitale Welt hinaus: „Schaut her, ich habe das neueste Modell!“
Es ist, als würde das Gerät, das einen beachtlichen Teil des Gesichts verdeckt, mit einem gewissen Stolz präsentiert: „Ja, das hier ist das neueste Power-Handy, und ich habe es tatsächlich in der Hand.“
Man könnte fast glauben, dass das Spiegelselfie nicht etwa die Person abbilden will, sondern vielmehr die Symbiose aus Mensch und High-End-Technologie.
Ein Mensch mit Handy.
Ein Handy mit Mensch.
Möglicherweise fotografiert sich das Handy sich selbst, ein Selfie-Handy-Selfie!
Vielleicht will es nur sagen, dass dies der Mensch ist, der (leider) dazugehört, als Handy-Halterung sozusagen.
Womöglich gibt es auch eine tiefere psychologische Dimension:
Die Hand am Handy schafft Nähe, Vertrauen.
Die klassische Frontkamera hingegen, die frei und distanziert das Gesicht frontal einfängt, könnte ja unpersönlich wirken.
Eine ungeschickte Armhaltung und ein angestrengtes Lächeln beim Versuch, das perfekte Selfie zu schießen, lässt hingegen sofort Authentizität und Bodenständigkeit erahnen.
Doch wie dem auch sei, das Spiegelselfie hat zweifelsohne seinen festen Platz in der digitalen Kultur.
Es bleibt ein Ritual, das uns möglicherweise mehr über den menschlichen Umgang mit Technik erzählt, als es der simple Frontkamera-Klick je könnte.
In einer Welt, die das Gesicht ohnehin schon viel zu ernst nimmt, schenkt uns das Spiegelselfie die Freiheit, uns ein wenig hinter unseren glänzenden Bildschirmen zu verstecken.






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