
Gestern Abend war es mal wieder so weit …
Unsere Nachbarin – Sie wissen schon, die mit dem unerschütterlichen Engagement für jedes noch so kleine Detail in ihrer kleinen, sorgsam abgeriegelten Welt – spazierte mit einer Gruppe Kinder durch die Straßen.
Kleine Lichter flackerten in den Dämmerungsschatten, aber Moment!
Nein, natürlich flackerten die Lichter nicht.
Sie leuchteten starr und zuverlässig – Batterien sei Dank.
Es war also kein klassisches Laternenlicht, kein schwankender Kerzenschein, der sich in milder Herbstluft hin und her bewegte, sondern vielmehr die perfekte, vom TÜV geprüfte Lichtlösung im Dienste des Helikopter-Elternwesens.
„Wir üben für den Martinsumzug!“, rief sie triumphierend zu uns auf dem Balkon herüber, als sei sie die Chorleiterin einer Eliteeinheit von Laternenläufern. „Jeden Abend!“
Ja, so als ob ein Martinsumzug eines tagelangen Drills bedarf, als wäre es ein militärisches Manöver, bei dem jeder Schritt, jeder Ton perfekt abgestimmt sein muss.
Nicht ein einziges „Laterne, Laterne“ soll daneben klingen, kein Kind soll eine Millisekunde im falschen Takt marschieren.
“Das Martinsfest als Schaulaufen des elterlichen Perfektionswahns”, dachte ich.
Und wie zur Bekräftigung ihrer eigenen Großartigkeit ergänzte sie in einem nachdrücklichen Ton:
„Im Kindergarten und in der Grundschule habe ich durchgesetzt, dass nur elektrisches Licht in den Laternen erlaubt ist. Brandgefahr!“
Meine Frau und ich tauschten einen Blick und meinten bloß trocken: „Ah ja.“
Das war es dann auch, was wir an Worten für diese Belehrung übrig hatten.
Kaum hatten wir die Tür des Balkons hinter uns geschlossen, brachen wir in Lachen aus.
Das ist doch wirklich absurd, oder?
Als wir Kinder waren, gab es riesige Martinsumzüge, organisiert von der Stadt.
Da war nix mit Üben oder vorherigem Durchmarschieren – wir reihten uns einfach ein.
Ganz ohne Vorbereitung, ohne Coach, ohne Sicherheitstraining.
Einfach, weil es Freude machte.
Spontan, frei, wie Kinder es eben tun sollten.
Und was die Brandgefahr anging?
Nun ja, klar gab es hier und da mal eine Laterne, die Feuer fing.
So ist das eben, wenn man Kerzen mit sich herumträgt und noch keine abgeklärte Feinmotorik besitzt.
Aber was haben wir gemacht, wenn mal eine Laterne Feuer fing?
Nichts Dramatisches.
Man entfernte sich vom Zug, legte die brennende Laterne einfach auf den Boden, trampelte ein paar Mal kräftig drauf, und das war’s.
Die Laterne war weg, das Kind lief halt ohne weiter, und das war irgendwie auch in Ordnung.
Es gehörte dazu, war Teil des Abenteuers.
Ein bisschen Drama, aber eben ein gesundes.
Niemand hat sich darüber aufgeregt, es gab kein Geschrei, keine Einträge in die „Sicherheitsmängelliste des Kindheitsschutzprogramms“, keine SMS an die Feuerwehr.
Wenn eine Laterne den Geist aufgab, dann gab sie ihn eben auf.
Wir waren robust und liefen trotzdem weiter, voller Stolz und Tatendrang.
Heute jedoch?
Da werden Kinder fast schon in Watte eingepackt, eingehüllt in Sicherheitsbestimmungen und Regeln, dass einem ganz schwindelig wird.
Diese Übervorsichtigkeit der Helikoptereltern, dieses unermüdliche Streben danach, alle Risiken im Keim zu ersticken – als ob das Leben planbar und ungefährlich wäre!
Ich kann mir vorstellen, wie sie daheim sitzen, am Reißbrett, und den „perfekten“ Martinsumzug entwerfen.
Kein Funken darf fliegen, kein Kind soll sich auch nur die geringste Unannehmlichkeit zuziehen.
Lieber noch 15 Ersatzbatterien in die Tasche packen, statt eine einzige echte Flamme anzuzünden.
Ist ja alles „zu gefährlich“.
Ja, da frage ich mich schon:
Werden die Kinder von heute jemals die Freiheit erleben, die wir als Kinder kannten?
Werden sie wissen, wie es sich anfühlt, einfach loszulaufen, mit einer echten Flamme in der Laterne, und dem eigenen Herzschlag folgend durch die Nacht zu ziehen?
Oder sind sie dazu verdammt, in einer Welt zu leben, die so weich gepolstert und risikofrei ist, dass ihnen am Ende das Gespür für echte Abenteuer abhandenkommt?
Meine Frau und ich werden am kommenden Martinstag eine Gedenkminute einlegen.
Für all die Laternen, die heute nie eine echte Flamme gesehen haben, und für die Feueropfer des Martinsfestes von damals, die heldenhaft ein Streichholz in ihrer Laterne entfachten und sich damit ein kleines, aufregendes Abenteuer schufen – ein Abenteuer, das so unersetzlich ist, dass wir es uns heute kaum noch vorstellen können.






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