Ein düstere und erschreckende Zeit kehrte in Europa ein, in der man dem Wahn erlegen war, dass hinter allerlei Schäden – Missernten, Tode, Unwetter und dergleichen mehr – Hexen stünden.
In der „Hexenzeitung”, die in Tübingen erschien, konnte man im Jahre 1616 Folgendes lesen:

Auß dem Hertzogthumb Würtenberg: Wie der Hertzog zu Würtenberg in unterschiedlichen Stätten das Hexenbrennen auch angefangen. Der Hertzog zu Würtenberg hatt das Hexenbrennen auch angefangen in den Stätten Sündelfingen …

Tübinger „Hexenzeitung”, 1616

Es ist bedauerlich zu erfahren, dass die Hexenverfolgung in Sindelfingen eine tragische und umfangreiche Episode in der Geschichte der Stadt war.
Zwischen 1562 und 1684 wurden 34 Frauen des Hexereiverdachts beschuldigt, wovon 19 zum Tode verurteilt und verbrannt wurden. Die Mehrheit der Opfer waren offenbar arme, alte oder unverheiratete Frauen, die verschiedene Anklagepunkte wie „Segenssprechen”, „Heilung” oder „Schadenzauber” auf sich zogen.

Die Hexenprozesse wurden vom Sindelfinger Stadtgericht geleitet, das aus zwölf Männern der städtischen Oberschicht bestand. Der Vogt Wendel von Maur übernahm die Rolle des öffentlichen Anklägers und vertrat die Interessen des Herzogs von Stuttgart. Dies verdeutlichte die politische Dimension und die Beteiligung hochrangiger Persönlichkeiten an diesen traurigen Ereignissen.

Die Hexenverfolgung in Sindelfingen war Teil einer breiteren Hexenverfolgungswelle in Württemberg, die etwa 600 Menschenleben forderte. Diese dunkle Periode in der Geschichte zeugt von den irrationalen Ängsten und Vorurteilen jener Zeit, die zu großem Leid geführt hatten.

Tauchen wir ein in die düstere Vergangenheit Sindelfingens während des 16. und 17. Jahrhunderts, als die Stadt schwer unter dem grassierenden Hexenwahn in Europa litt!
Die malerische Kleinstadt mit etwa 1.400 Einwohnern im Jahre 1600 sah sich zwischen 1563 und 1616 mit einer erschreckenden Realität konfrontiert: Mindestens 17 Frauen wurden wegen Hexerei angeklagt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die grausamen Prozesse fanden im ehrwürdigen Rathaus statt. Während zuerst die kirchliche Inquisition die Hexenjagd vorantrieb, übernahmen im Laufe des 16. Jahrhunderts weltliche Gerichte die Verantwortung. Selbst nach der Reformation wurde in Sindelfingen die düstere Tradition der Hexenverfolgung fortgesetzt.
Die traurige Bestrafung der verurteilten Frauen fand in der Regel in aller Öffentlichkeit statt, wenn sie bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Der Goldberg wird als der Ort angenommen, an dem diese schrecklichen Hinrichtungen in Sindelfingen durchgeführt wurden. Ein Ort, der nun stumm von den düsteren Schatten der Vergangenheit erzählt.

Der „Hexensprung”, dessen Name auf die allgemein verbreiteten Hexenproben anspielt, die in den Prozessen angewandt wurden, um den angeklagten Frauen übernatürliche Kräfte nachzuweisen und somit ihre Schuld zu bestätigen.
Interessanterweise finden sich in den Prozessakten von Sindelfingen keine Hinweise auf solche übernatürlichen Prüfungen, allerdings gibt es Erwähnungen der sogenannte „Peinliche Befragung”. Dieser Terminus wurde verharmlosend verwendet, um nicht das Wort „Folter” zu benutzen.
Auch eine Verbindung zwischen dem Gebäude und seinen Bewohnern zu den historischen Hexenverfolgungen lässt sich nicht herstellen. Das Gebäude erhielt erst im 19. Jahrhundert die Bezeichnung „Hexensprung”. Möglicherweise beflügelte in dieser romantischen Ära der schräge Anbau die Vorstellung, dass es sich hier um ein „Hexenhaus” handelte.
Eine Fügung der Phantasie in einer Zeit, in der die Vergangenheit mit einer mystischen Aura umgeben wurde.

Das Haus des Bürgermeisters, das von Leonhard Speidel im Jahr 1603 erbaut wurde, war auch eingebunden. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatten die Hexenprozesse in Sindelfingen ihren Höhepunkt erreicht, und in dieser Zeit bekleidete Leonhard Speidel das Amt des Bürgermeisters. Es ist anzunehmen, dass er in dieser Funktion an verschiedenen Hexenprozessen teilgenommen hat.
Interessanterweise waren die meisten der angeklagten Frauen aus der weitgehend mittellosen Unterschicht, aber gelegentlich richteten sich die Prozesse auch gegen Angehörige besser gestellter Familien. Ein bezeichnendes Beispiel war Anna Krumm, die im Jahr 1563, als Frau eines wohlhabenden Bürgermeisters, verurteilt und hingerichtet wurde. Ebenso erging es im Jahr 1615 Katharina Heubacher, der Schwester des Bürgermeisters Michel Schäfer.
Diese traurigen Geschichten verdeutlichen, dass die Hexenverfolgungen in Sindelfingen nicht vor sozialen Unterschieden Halt machten und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten betrafen.

In den Räumen des Oberen Turmes fanden im 16. und 17. Jahrhundert die „Peinlichen Befragungen” (die gewaltsamen Verhöre und Folterungen) der Frauen statt, die unter dem Verdacht der Hexerei standen.
Es scheint, dass auch in Sindelfingen die Prozesse nach den Richtlinien des „Hexenhammers” geführt wurden, einer Schrift zur Hexenverfolgung aus dem 15. Jahrhundert.
Die vermeintlichen Geständnisse der Frauen wurden unter massivem Druck und oft unter grausamer Folter erzwungen. Der Obere Turm wurde somit zu einem düsteren Ort, an dem die Schreie der Angeklagten und die traurigen Verhöre widerhallten. Diese Stätte war einst ein Zeuge der Unmenschlichkeit und des Schreckens, der während der Hexenverfolgungen über die Stadt gekommen war.

An der Propstei, deren Ursprünge vermutlich bis ins Jahr 1420 als Chorherrenhaus zurückreichen, gibt es eine wechselvolle Geschichte. Nach ihrer Zeit als Residenz für Stifts- und Klostervorsteher wurde die Propstei nach der Auflösung des Klosters schließlich zum Amts- und Wohnsitz des Vogtes.
Der Vogt, als höchster herrschaftlicher Beamter vor Ort, spielte eine zentrale Rolle in den Hexenprozessen. Er hatte die Macht, über die Anklageerhebung zu entscheiden, die Verhöre zu leiten und den Herzog sowie das städtische Gericht zu informieren. Seine Interpretationen und Entscheidungen konnten über Leben und Tod der Angeklagten entscheiden.
Die schlimmste Zeit der Hexenverfolgungen in Sindelfingen (1600−1616) koinzidiert mit der Amtszeit des Vogtes Wendel von Maur, der sich als besonders fanatischer Hexenjäger hervortat. Die Mauern der Propstei, einst Zeuge von Macht und Entscheidungen, spiegeln somit die düsteren Schatten der Hexenprozesse wider, die diese Stadt heimgesucht hatten.

In der ehrwürdigen Martinskirche begann im Sommer 1611 eine düstere Episode, als die über 70-jährige Witwe Barbara Ada nach einer Predigt des damaligen Pfarrers Heerbrand ein „unchristliches Geschrei” ausstieß, wie es in den Protokollen vermerkt ist. Pfarrer Heerbrand hatte in seiner Predigt Hexerei als mögliche Ursache für ein vorangegangenes Hagelunwetter nicht ausgeschlossen. In Anbetracht ihres bereits bestehenden Verdachts der Hexerei fühlte sich Barbara Ada offensichtlich angegriffen und setzte somit den Prozess gegen sich selbst in Gang.
Da Teile der Bevölkerung von ihrer Unschuld überzeugt waren und es sogar Drohbriefe gegen den Pfarrer und den Bürgermeister gab, wurde Barbara Ada im Herbst 1611 zunächst freigelassen. Das traurige Schicksal nahm jedoch erneut seinen Lauf, als sie im Jahr 1615 erneut angeklagt wurde.
Die Martinskirche, ein Ort des Glaubens, wurde somit auch zum Schauplatz der Verzweiflung und der Tragödie, als die düsteren Schatten der Hexenverfolgung über die Gemeinschaft fielen.

Im ehemaligen Diebs-Turm wurden während der Hexenprozesse angeklagte Frauen gefangen gehalten.
Für die Verhöre wurden sie über die Stadtmauer zum Oberen Turm geführt.
Der Diebs-Turm war somit ein düsterer Ort, an dem diejenigen, die unter dem Verdacht der Hexerei standen, inhaftiert waren. 

An der Stadtmauer am Schaffhauser Platz enthüllt sich eine weitere tragische Episode in der Geschichte Sindelfingens. Hier, im Jahr 1615, wurde Barbara Ada, die erneut der Hexerei angeklagt und verhaftet worden war, vom Diebs-Turm über die Stadtmauer zum Oberen Turm zum Verhör geführt, doch in einem verzweifelten Akt sprang sie aus Angst vor den drohenden Konsequenzen in selbstmörderischer Absicht von der Mauer.
Überraschenderweise überlebte Barbara Ada den Sturz, jedoch setzte sich der Prozess gegen sie fort und endete schließlich mit ihrem Todesurteil. 

Die Hexenprozesswelle von 1615 und 1616 markierte den Höhepunkt und gleichzeitig das tragische Ende dieser dunklen Kapitel in Sindelfingens Geschichte.
Die Zwangslage der angeklagten Frauen, weitere Verdächtige zu benennen, führte letztendlich dazu, dass 19 Frauen in die Prozesse verwickelt wurden, wobei mindestens 10 von ihnen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden.
Für Sindelfingen waren die Hexenprozesse damit beendet, jedoch dauerte es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, bis sie im deutschsprachigen Raum endgültig aufhörten. 

Die Stadtmauer am Schaffhauser Platz steht somit als stummer Zeuge dieser dunklen Zeit und erinnert an das Leid und Unrecht, das den unschuldigen Frauen widerfahren ist.

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