Frau gefangen im eigenen Netz

Gerade gingen Cora und ich von der Tiefgarage die Treppe hoch, als wir eine schreiende Frau hörten: „Das macht man nicht vor den Leuten!“
Eine männliche Stimme sagte im normalen Ton: „Sie hat die alte Frau mit den Einkaufstaschen nicht gesehen. Ich habe sie dreimal darauf aufmerksam gemacht, doch sie hat mich nicht gehört. Dann musste ich schreien. Dann ist sie mit dem Roller aus dem Weg gefahren.“

Dies hörte ich zweimal, bis Cora und ich aus dem Treppenhaus an die frische Luft getreten waren.

Dann sahen wir die Familie, drei Kinder mit Roller, ein Mann mir gegenüber mit Bollerwagen an der Hand und die Frau vor dem Eingang zum Lebensmittelladen.

Bei uns im Viertel nennt man diese Familie verächtlich „die Öko-Freaks“.
Die Erwachsenen sehen aus wie welche aus den 1980-er-Jahren: Bundeswehrparka, grobmaschige Jacken, Pluderhosen. Er hat ab und zu eine Kufiya – sog. „Palästinensertuch“ – an. Sie sind bei uns „besonders beliebt“, weil sie immer viel Zeit mitbringen und einen zur Weißglut bringen, wenn sie beim Bäcker oder irgendwo anders sind. Sie zählen bis auf den kleinsten Cent das Geld – laaangsaaam – oder führen beim Bäcker Beratungsgespräche am Sonntag, welche Brötchen die Kinder nehmen sollten, stellenweise mit Inhaltsstoffen und Namen der Brötchen, und andere „Nettigkeiten“.

„Da macht man nicht, vor anderen Leuten die Kinder – laut zurechtweisen“, polterte es wieder aus der Frau heraus. Der Mann stand in devoter Körperhaltung da.

„Das machen Sie doch genauso“, sagte ich zur Frau und schaute ihr starr in die Augen, „Sie schreien doch auch hier herum.“

Eigentlich wollte ich weitergehen.

„Man schreit Kinder nicht an und vor allem nicht vor Anderen, so wie mein Mann.“
„Wie ich bereits erwähnte, machen Sie das auch“, meinte ich wieder ruhig mit festem Blick, „Sie schreien Ihren Mann öffentlich an, obwohl Sie von ihm verlangen, dass er niemanden vor anderen anschreit.“
Der Mann begann kleinlaut, dass er wohl einen Fehler begangen hätte und dies nicht wieder vorkommen sollte.
Die Frau atmete wieder ein, bereit für die nächste Attacke …

„Was bist du für ein Weichei“, wandte ich mich an den Mann, „Merkst Du das nicht? Deine Frau schreit Dich an, aber in einer Notsituation wie gerade, darfst Du das nicht. Wach auf, Mann!“
Das war das Stichwort für die Frau, die noch lauter wurde, aber in meine Richtung.
„Das geht Sie einen Scheißdreck an, was ich tue!“
„Beruhigen Sie sich! Sie müssen mich nicht anschreien. Ich habe gute Ohren.“
Verpiss Dich, Du alter Dreckseggl[1]!“

„Werden Sie mal nicht beleidigend“, sagte ich in ruhigem Ton, „Wenn Sie Kritik austeilen, müssen Sie auch welche einstecken. Mit Selbstkritik haben Sie es wohl nicht so.“ 

„Halt die Gosche[2], Du Dreckseggl„, schrie sich mich an, „Du hast mir überhaupt nichts zu befehlen. Verpiss Dich endlich!“

„Was mir bei Ihnen klarwurde, ist, dass Sie keine Sozialkompetenz haben“, konterte ich mit ruhigem Ton.
Sie knallte mir wieder ihre Aggressionen sehr laut entgegen.
Das war für mich der Startschuss. Ich atmete tief ein. Meine Stimme wurde lauter als die der Frau.

„Geh in den Laden und schweig endlich!“

Der Frau entglitten die Gesichtszüge. Die ganze Familie ging wie auf Kommando hinein, ohne ein Wort, die Blicke nach unten gesenkt.


Die rot gekennzeichneten Wörter sind genauso gefallen.
[1] : schwäbisch für „Drecksack“
[2] : schwäbisch für „Mund“

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