Nachdenkliches

Am Mittwochabend betrat ich eine Kneipe, in der sich auch eine Tanzfläche befand.
Ich setzte mich, wie ich es von Italien gewöhnt war, an die Theke und bestellte einen Espresso. Anders als in Italien musste ich den Espresso, obwohl ich ihn an der Theke zu mir nahm, voll bezahlen.
Etwas später bestellte ich mir ein alkoholfreies Hefeweizenbier, was ich auch nach kurzer Zeit bekam.
Ich schaute mich, während ich ab und zu an dem Bier nippte, in der Kneipe um.
Auf der Tanzfläche bewegten sich Pärchen und einzelne Tänzer im Takt der Musik. Es liefen Songs aus den 1980er-Jahren, deren Rhythmen mir in die Beine stiegen. Ich tippte mit den Fußspitzen zur Musik und fühlte mich gut dabei.
Es lief gerade „Words (don’t come easy)” von F.R. Davids, als plötzlich eine gut aussehende Dame mit dunkelblondem Haar und harmonisch dazupassenden rehbraunen Augen neben mir stand.
„Hallo, einsamer Geselle” sprach sie mich an, was eher ein Hauchen war.
Eine Stimme, die mir durch alle Glieder des Körpers, durch Mark und Bein, ging!
Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte ich eine Gänsehaut bekommen.
Ich grüßte freundlich lächelnd zurück und verursachte damit, dass wir uns kurz darauf zusammen auf der Tanzfläche befanden.


Mir gefiel es und ihr, nach ihrer Mimik und Gestik zu urteilen, auch.
Zwischen dem Tanzen saßen wir zusammen an der Theke und unterhielten uns über Gott und die Welt.
Ein angenehmer Abend hatte begonnen.
Gegen ein Uhr morgens verabschiedeten wir uns voneinander und sie drückte mir einen weichen Kuss auf meine unverfangenen Lippen. Sie bedankte sich für den angenehmen Abend. Kurz darauf trennten wir uns.

Am nächsten Morgen stand ich wie immer früh auf und ging mit Devil am Horumer Tief Gassi.
Schon zu dieser Zeit beobachtete ich intensiv meine Umgebung und meine Mitmenschen, denn ich hoffte, die Schönheit vom Abend vorher zu sehen.
Doch leider sah ich sie tagsüber nicht.
Am Abend ging ich wieder in die Kneipe wie am Tag zuvor und bestellte mir erstmal einen Espresso, den ich trotzalledem an der Theke zu mir nahm.
Ich hatte meinen Espresso noch nicht aufgetrunken, als ich in meinen Erinnerungen am vorigen Abend unterbrochen wurde. Unterbrochen von der Person, von der ich gerade geträumt hatte.
Die hübsche Dame stand wieder neben mir und strahlte mich an.
„Hallo, einsamer Geselle”, sagte sie wieder hauchend und zu meiner Überraschung drückte sie mir zur Begrüßung einen Kuss auf meine unverfangenen Lippen. Wir fielen uns in die Arme. Im Hintergrund lief wieder 1980er-Jahre-Musik, die ich jedoch nicht so wirklich wahrnahm.
Die Begrüßung war überwältigend und dauerte insgesamt gesehen etwas länger als der Abschied vom Vortag.
Beim Tanzen und beim Reden an der Theke hielten wir Händchen.
Wir küssten uns sehr oft leidenschaftlich.
Als wir gegen ein Uhr, halb zwei die Kneipe verließen, überfiel sie mich fast mit Küssen und verursachte eine wahre Flammenkanonade in mir.
Sie fragte mich irgendwann, ob wir nicht noch zu mir gehen könnten und ich bejahte dies.
Als wir unter einer Straßenlaterne kuschelten und uns küssten, fiel mir beim Betasten ihrer Hände ein Ring auf. Ich hob die Hand an, schaute genauer hin und erkannte einen Ehering.
Ich hatte am Vortag extra darauf geachtet, aber ich hatte keine entdeckt. Diesmal schien sie wohl vergessen ihn abgenommen zu haben.
Ich bewegte wie zufällig den Ring, schaute den Ring, nachdem ich die Hand vor ihr Gesicht gehoben hatte, an. Ich machte ein fragendes Gesicht.
Ihre Mimik stockte etwas, doch fing sich kurz darauf wieder, und dann brach es aus ihr heraus.
Ihr Gatte habe kaum Zeit für sie, weil er selbstständig sei, und sogar an diesem Abend müsse er trotz Urlaubs arbeiten. Er habe es gar nicht bemerkt, dass sie sich davongestohlen habe, auch an den anderen Tagen nicht.
Glücklich sei sie nicht, doch sie hole sich „dies” irgendwo anders.
Ich lauschte mit eiserner Maske, was sie zu sagen hatte. Sie nahm dies gar nicht wahr und nahm kokettierend ihren Ehering ab, steckte ihn in die Tasche und sagte lapidar: „Reden wir nicht mehr darüber.”

Sie näherte sich mir wieder, doch in meinem wilden Herzen waren schwarze Gewitterwolken aufgezogen.
Die Schmetterlinge in meinem Bauch wurden zu abstürzenden und vermodernden Motten.
Alles war nur Theater gewesen, um mich „ins Bett” zu bekommen, damit sie sich die Befriedigung, die sie von ihrem Mann nicht bekam, irgendwo anders holen konnte.

Mir sollte es eigentlich egal sein, wie andere ihre Sexualität auslebten, doch es war mir NICHT egal.
Ich weigerte mich, als Befriediger einer unbefriedigten Frau zu dienen.
Die hormonelle Flut in mir ebbte ab.
Ich hätte „es” machen können, und ich hätte auch meinen „Spaß” dabei gehabt, doch wollte ich nicht einfach darüber wegsehen, welche „Funktion” ich nur hatte.
Wenn sie ihren Mann betrügt, ist das ihre Sache, aber dem Fremdgehen Vorschub zu leisten, ist nicht mein Ding.
Ich wurde von der lodernden Fackel zu kalten Eissäule und distanzierte mich von ihr.
Sollte sie fremdgehen, mit wem sie wollte, aber nicht mit mir.
Dafür bin ich mir zu schade.

3 Responses to Eine prekäre Situation

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

    Kalender
    August 2026
    MDMDFSS
     12
    3456789
    10111213141516
    17181920212223
    24252627282930
    31 
    Kategorien
    Editorial

    Die durch die Seitenbetreiber erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem Urheberrecht bzw. dem Copyright des explizit gezeichneten Autoren.

    Beiträge und Materialien Dritter sind als solche gekennzeichnet.

    Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung bedürfen der expliziten, schriftlichen Zustimmung des jeweiligen Autors bzw. Urhebers bzw. Erstellers und des Herausgebers.

    Downloads und Kopien dieser Seite sowie Konvertieren in andere Darstellungen bzw. Darstellungsformen sind nicht gestattet.

    Beachten : Haftung und Recht