Wenn „große Zeitgenossen“ gestorben sind, werden diese in den Himmel gelobt.
Es zählt dann nur noch, was sie Tolles, Schönes, Grandioses etc. gelseistet haben.
Wenn jemand dann etwas Negatives sagt, kommt die Phrase „Von Toten soll man nur Gutes sagen“.
Dies passiert meist mit dem erhobenem Zeigefinger, wobei auch noch die vermeintliche Übersetzung „De mortuis nil nisi bene“ mit oder ohne anhängendem „discendum“ genannt wird.

Jeder kennt auch die Floskel a la „Mir fällt noch dies oder jenes ein, aber über Tote soll man nicht schlecht reden.“.

Wenn man nichts Negatives über Tote sagen dürfte, dürfte man toten Diktatoren nichts nachsagen.
Damit wäre diese Handhabung der Kritiklosigkeit heuchlerisch und vor allem den Opfern gegenüber zynisch.

In dem Satz steckt eine abgewandelte Art des Adjektivs „bonus“ – „bene“.
„Bene“ ist allerdings ein Adverb, das das Verb unterstützt bzw. näher erläutert.
„Bene“ bedeutet eben nicht „Gutes“, sondern von der Deklination her „gut sprechen“ oder „wohlwollend“.
Der Philosoph Chilon von Sparta, dem dieser Spruch zugeschrieben wird, – im (alt)griechischem Original „Τὸν τεθνηκότα μὴ κακολογεῖν, γῆρας τιμᾶν“ – vertrat den Standpunkt, dass man über andere grundsätzlich nur die Wahrheit sprechen dürfe und das man wahrheitsgemäß über Tote reden müsse, da diese sich nicht mehr wehren und u. U. etwas richtigstellen könnten.

Das bedeutet, dass man über Tote alles sagen, darf, wenn es wahrheitsgetreu ist und nichts hinzugefügt oder weggelassen wird.

Das Sprechen über die Toten muss also in einer guten Art und Weise geschehen, was eben nicht aussagt, man dürfe nur Gutes über sie sprechen, sondern man muss gut – wohlwollend, gerecht etc. – über sie reden.


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