Monatsarchive: Oktober 2018

Roll over Beethoven

„Lass dich immer von Neugier und Abenteuerlust leiten.“

Kein Geräusch war in der Stadt zu hören.
Kälte lag in der mitternächtlichen Dunkelheit. Die Luft stand still und wartete auf den Sonnenaufgang, der allerdings erst in ein paar Stunden seinen Lauf nehmen sollte.
Die Straßenlaternen steckten sich in die Dunkelheit und verteilten gleichmäßiges trübes Licht.
Irgendwo bellte ein Hund, in heller Stimme. Darauf antwortete ein anscheinend größerer mit weit aggressiver Stimme.

Die Nacht stand unbewegt und wartete auf den nächsten Tag, als das Licht der Straßenlaternen zu flackern begann.

Mitten auf der leeren Straße vibrierte die Luft.
Ein kleiner hellgrüner Lichtpunkt begann zu wachsen und blähte sich bis auf einer Größe von vier Württembergischen Ellen aus. Im Inneren wabberte Rauch, der sich ausdehnte und wieder in sich zusammenfiel.
Eine Gestalt tauchte auf, schwarz gekleidet mit einen Hut. Das Gesicht war nicht zu erkennen.
Die Gestalt trat heraus und verließ das Gebilde. Sie drehte sich kurz vor dem Verlassen um, bückte sich und hatte eine kleine leuchtende Kugel in seiner schwarz-behandschuhten Hand. Dann trat sie ganz heraus und verstaute die Kugel in ein Ledersäckchen, das an ihrer Hüfte hing.
Das wabbernde Gebilde stürtzte ins sich zusammen und verschwand.

Die Gestalt ging die Straße entlang.

Seit Langem war ich heute beim Arzt.

Ich hatte starke Schmerzen im Bein. Es war so, als habe mir jemand eine enge Bandage angelegt.

Ich rief gegen zehn Uhr bei der Praxis an und bekam gesagt, ab halb zwölf könne ich kommen, doch ich solle Zeit mitbringen, was bedeutete, dass „offene Sprechstunde“ war.

So war ich zur besagten Zeit da und es war dort richtig voll. So weit ich gezählt hatte, waren elf Leute vor mir und es „strömten“ noch welche hinein, von denen einige – so wie ich – erst mal keinen Sitzplatz hatten.

Ich finde es sehr interessant, zu lauschen, was die Mitwartenden sich erzählen.

Es sitzen immer mindestens zwei alte Frau zusammen, die sich wie im Duell erzählen, welche schlimmen Krankheiten sie haben oder welche gemeinsamen Bekannten „ganz schwer gelegen haben“. Dieses ufert aus in Diskussionen wie „Ich setze noch einen drauf“.

Mindesten ein bis zweimal in der Stunde geht es darum, dass diejenigen nahe dem Fenstern darüber schwadronieren, ob und wann dieses geöffnet werden solle.
Und kalt ist es ja nicht draußen und frische Luft hat noch niemanden geschadet.

Immer und immer wieder steht jemand auf und holt sich aus dem Wasserspender einen Pappbecher, manchmal mit der leise gesprochenen, aber hörbaren, Bemerkung, es sei trockene Luft im Wartezimmer.

Dann kam eine Frau hinein, die stutzte, und dann wieder hinausging. Vor den Leuten, die gerade nicht Platz im Wartezimmer hatten, erzählte sie, dass man ihr gesagt habe, sie könne direkt kommen. Dann sagte sie, dass sie in der Mittagspause nur kurz zum Arzt gewollt hätte, aber „diese chaotische Situation“ wohl unzumutbar wäre für jemanden wie sie, die schließlich arbeite.
Die erste Frage, die ich mir stellte war, warum sie dies nur den unmittelbaren Nachbarn sagte, und zweitens fragte ich mich, warum sie ihren Unmut nicht den Frauen hinterm Tresen kundtat.

Die Zeit tröpfelte dahin und in unregelmäßigen Abständen kam einer der Ärzte hinein und holte jemanden zu sich ins Behandlungszimmer ab.

Ich bemerkte eine Person, Mitte dreißig, die ich eigentlich jedes Mal dort traf, obwohl ich nur sehr sporadisch und selten zum Arzt gehe.

Die beiden Omas schaukelten sich mit ihren schlimmen, anscheinend unheilbaren Krankheiten weiter auf und fanden kein Ende, was man nicht alles im Alter bekommen kann oder könnte. Ihre schon längst verstorbenen Bekannten und Verwandten hatten vor ihrem Tod, „der besser war, als das schlimme Siechen“, ausnahmslos „schwer gelegen“.

Irgendwann, nachdem einige die frei werdenden Stühle sich nicht mehr nachbesetzt hatten, lüftete sich auch die Anwesenheit der Wartenden.

Die Frau, die nur kurz Mittagspause hatte, war nach einer Stunde immer noch da und atmete schwer, während sie abwechselnd auf ihr Handy und ihre Uhr schaute.

Der Mann, der kurioserweise immer da war, wenn ich auch einen Termin hatte, erzählte einer Frau, die nachgerückt war, dass er seit einigen Wochen nicht mehr in der Nähe, sondern dreißig Kilometer entfernt wohnte. Er erzählte, dass er ja an einer seltenen Krankheit leide, die „psychosomatisch bedingt“ sei.
Er konnte sich an seinem neuen Wohnsitz keinen neuen Hausarzt nehmen, weil eben dieser, auf den er gerade warte, „Spezialist für Psychosomatik“ sei.

Dann war ich an der Reihe.

Die Ärztin untersuchte mich, tastete mich an mehreren Stellen am Bein ab, tastete die Leisten ab und kam zu dem Befund, dass es sich bei mir – anders als sie erst befürchtet hatte – nicht um eine Thrombose handele, sondern nur an eine mittelschwere Ischialgie, die sehr schmerzhaft sei.

Da war ich schon froh, dass ich an keiner Krankheit litt, bei der ein „Spezialist für Psychosomatik“ her musste!

Roll over Beethoven

ist die einzige Antwort, auf die es keine Frage gibt.

Meine Gattin und ich sind (bekennende) Steampunks.

ist eine sog. „Subkultur“.
Steampunk basiert auf der Überlegung, was passiert wäre, wenn die Welt zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert eine andere Entwicklung genommen hätte.
In der Welt des Steampunks ist die vorherrschende die Dampftechnologie und die Mechanik.
Ebenso wird davon ausgegangen, dass die Äthertheorie richtig sei.
Die Äthertheorie besagt, dass zwischen allen der sog. „Äther“ ist, eine unsichtbare Masse, die zum Beispiel auch im Weltraum vorhanden ist. So stellt man sich vor, dass man mittels eines Äther-Schiffs von einem Planeten zum anderen reisen könnte. Der Ausdruck „Raumschiff“ kommt zum Beispiel hierher. Dass die Äthertheorie widerlegt ist, spielt für die Steampunks keine Rolle.
Viele Steampunks sehen sich unter anderem als Zeitreisenende, die mittels besonderer Maschinen, die auf den Äther einwirken, durch die Zeit reisen können.
Sie kleiden sich nach dem Codex des viktorianischen Zeitalters. Ihre Maschinen und Apparaturen sehen aus, als kämen sie aus dem 19. Jahrhundert.
Vieles, was den Steampunk ausmacht, entstammt den Büchern von Jules Verne – z.B. „In 80 Tagen um die Welt“, „Die geheimnisvolle Insel“ etc. oder aus dem Buch „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wellls und anderen. 
Aktuelle Geräte des 21. Jahrunderts werden „verschönert“ bzw. verschnörkelt. So sehen Tablets, Smartphone oder Computer so aus, als entstammten sie einer längst vergangenen Zeit. Sie werden eben verziert mit Schnörkeln, Messing‑ sowie Bronzeteilen, damit sie so wirken, als wären sie einer anderen Welt entsprungen.

Die Steampunk-Kultur hat sich seit den 1970⁄1980-er-Jahren etabliert und hat viele Anhänger gefunden.
Diese treffen sich zu Picknicks (und Fototerminen), bei denen es als Erinnerungen sog. „Temporalmarken“ oder „Temporal-Visa“  gibt, die man sich in die „Zeitreisepässe“ klebt.

Viele Steampunks sind auch Rollenspieler, die eben mit anderen mehr oder weniger vorgegebene Abenteuer spielen.

Zu dieser Gattung gehören wir nicht. Wir nehmen an Treffen oder Fototerminen teil.
Auch treffen wir bei sog. „Cosplay-Photo-Shootings“ Personen von verschiedenen Genres der „Kostümspieler“ – Englisch: „Cos(tume) Play“.
Wir bleiben allerdings beim Steampunk. Es ist interessant, Personen zu treffen, die anders sind. Wir tauschen uns aus, was sie und wir machen, wie es läuft es, was als nächstes kommt etc.

Obwohl es Steampunk schon lange gibt, erlebt Steampunk momentan einen regelrechten Hype.

Es gibt Events, bei denen Steampunks, Mittelaltermärkte und andere Genres friedlich koexistieren, wie zum Beispiel die „Zeitenblende“, Tübingen.. Man lernt sich kennen und schätzen.

Einige Personen wollen bei Steampunk mitmachen, sind aber nicht bereit entweder sich vom „alten“ zu trennen oder dieses partiell aufzugeben, sondern mischen diese Genres.
Dies nennt man „Cross-Over“ – „Überkreuzung“ bzw. „Überschneidung“.
Wir trafen Personen, die aus dem Genre „Star Wars“ kamen und nun bei uns mitmachen wollten. Diese trugen eine Sturmtruppenuniform der imperiellen Streitkräfte, hatten diese jedoch mit Bronze lackiert und mit Steampunk-Accessoires bestückt. So entstand ein Cross-Over von Steampunk und Star-Wars.

So etwas empfinde ich als unangebracht.
Man kann gerne Steampunk mit Elementen anderer Epochen kombinieren, Steampunk mit Rokkoko oder Ähnlichem. Star-Wars, Star-Trek oder gar Mana-Comic geht in keinster Weise, denn diese passen nicht in die „Historie“.
Steampunk läasst die der Menschheit wie sie war, bis eben zur Industrialisierung, bei dem Steampank eine alternative Zeitlinie definiert. Bis dahin ist alles gleich.

Die anderen Genres, insbesondere Science-Fiction, haben einen ganz anderen Ansatz.
Wenn jemand von der „Seite“ Star-Wars kommt, kann er gerne zu Steampunk wechseln.
Jemand der zum Beispiel Steampunk-Vampir oder Vampirjäger-Steampunk ist, passt gut in den Kontext, denn die Geschichten um Vampire wie Dracula passen in den Steampunk-Kontext, weil sie auch in etwa in dieser Zeit „spielen“ oder entstanden sind. Zudem glaubten die Menschen im 19. Jahrhundert noch an sowas.

Star-Wars oder Star-Trek kommen aus der anderen Richtung, aus der .
Coss-Over ist also nicht möglich.

Man möge es nicht falsch verstehen!

Steampunk ist weitgefächert: Zeitreisende, Neo-Viktorianer, Expeditionscorps, Zeitpolizei.
Auch sieht jeder Steampunk etwas anders aus und es gibt keine strikte Uniformierung, keinen wirklich strengen Kleidercodex.
Beim Steampunk kann jeder mitmachen.
Ich war früher Mitewirkender auf Mittelaltermärkten, habe als Sternenflotten-Captain und als Klingonen-General im Genre „Star Trek“ mitgemacht.

Mischungen aus „Science-Fiction“ und Steampunk kann es aus oben genannten Gründen nicht geben.

Dies ist für Steampunk und dessen obsolet.

Weiterführendes

 

Roll over Beethoven

„Die allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden. „

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